• Joan Hinterauer

Wenn das Leben einer Unternehmerin Demut lehrt.

Updated: Mai 23

 

Diese Tage bewegte mich eine Begegnung mit einem inspirierenden Menschen. Eine Unternehmerin. Diesen Moment möchte ich mit Ihnen hier teilen. Geschlechter, sowie zeitliche und örtliche Angaben sind verändert, um die Anonymität der Unternehmerin zu gewährleisten.

Das ERP-System:

Mein Anlass war banal. Vor zwei Wochen stellte ein ERP-Hersteller seine Softwarelösung bei einem unserer Kunden vor. Mein Kooperationspartner Gebhard Borck war vor Ort. Während wir im Nachgang über die Präsentation sprachen, fand ich ein interessantes Referenzprojekt des ERP-Anbieters. Wie der Zufall so will, sitzt das entsprechende Unternehmen bei mir um die Ecke. Um sicher zu gehen, dass unser Eindruck zur Software stimmte, kontaktierte ich die Anwender aus meiner Nachbarschaft.

Überraschenderweise standen die Kontaktdaten der Geschäftsführerin vollständig auf der Webseite. So lag keine fünf Stunden später ein Terminvorschlag für ein Treffen in meinem Postfach.

 

Die Begegnung:

Vier Tage später betrete ich den brandneu wirkenden Firmensitz. Er liegt eingebettet in Wiesen, die nur eine weitere Firma unterbrechen. Das Gebäude vermittelt im Inneren zugleich Transparenz und Geborgenheit. Da fühle ich mich gleich wohl. Ich mag moderne Architektur, die zweckdienlich und mit natürlichen Werkstoffen eine Wohlfühlatmosphäre schafft. Ich melde mich kurz an. Die Dame am Empfang kannte bereits meinen Namen und informierte die Inhaberin. Zwei Minuten später saß sie mir in einem kleinen Besprechungsraum gegenüber.

Intuitiv frage ich, ob wir uns Duzen können. Sie stimmt zu. Schon breitet sich Vertrauen aus. Wir beschnuppern uns etwas und tauschen uns dann zum eigentlichen Zweck des Treffens aus: Die ERP-Software. Natürlich ist auch Ihnen als Leser* klar, dass eine Softwareeinführung mehr Herausforderungen mitbringt als "nur" die Implementierung. So trägt uns das Gespräch vom Verhalten der Führungskräfte, bis hin zu deren teilweise schmerzlichem Weggang im Laufe des Veränderungsprozesses. Immer wieder nehme ich Bezug auf unseren Kunden und dessen Herausforderungen. Irgendwann landen wir beim Thema der Nachfolge. Sie erzählt von ihrer Situation. Dass sie noch einige Jahre hat, aber die Weichen grundsätzlich schon gestellt sind. Danach schweifen wir wieder ab.

 

"Das war einer meine größten Führungsfehler."

antwortet sie mir auf eine Frage.

 

Obwohl das Gespräch von Beginn an sehr natürlich und vertraut ist, irritiert mich die Offenheit nach gerade einmal einer Stunde Gespräch - Positiv. Das erste mal an diesem Nachmittag entsteht in mir das Gefühl der Dankbarkeit für diese Begegnung.

 

"Weisst Du, wenn man einmal ein Kind verloren hat, dann ändern sich viele Dinge im Leben. Auch wenn man es sich vorstellt. Die Realität ist tausendmal intensiver."

 

 

Das Leben kommt dazwischen:

Als ich mich schon fast verabschiede, kommen wir erneut auf die Nachfolge zu sprechen. Sie erzählt völlig entspannt von ihrem Vorhaben, der Tochter und ihrem Mann das Unternehmen in einigen Jahren zu übergeben. Diese Entspannung macht mich stutzig. Ich habe noch nie eine Unternehmerin erlebt, die in dieser Hinsicht so frei von Erwartungen scheint.

Ich bohre nach:

"Ist es Dir das wirklich so gleichgültig, was aus dem Unternehmen wird. Was ist, wenn es nach 2 Jahren alles den Bach runter geht?".

Die Antwort machte mir Gänsehaut:

"Weisst Du, wenn man einmal ein Kind verloren hat, dann ändern sich viele Dinge im Leben. Auch wenn man es sich vorstellt. Die Realität ist tausendmal intensiver."

Dann erzählt sie mir, wie ihr Sohn vor drei Jahren beim Joggen einfach umgefallen und nicht mehr aufgewacht ist. Er war für die Nachfolge vorgesehen und studierte gerade BWL in München.

Kurz ist es still. Noch bevor ich Unsicherheit verspüren kann, merke ich bereits, wie gut sie mit dieser Situation umgeht. Sie ist in jeder Sekunde ganz bei sich. Sie fährt fort:

 

"Wenn Du das erlebt hast, dann ist auch die eigene Firma nicht mehr so wichtig. Andere Dinge, vor allem die Familie ist mir viel wichtiger. Die Firma betrachte ich mittlerweile als meinen eigenen Lernweg. Das Unternehmen aufzubauen ist mein Selbstausdruck, bis zu dem Moment in dem ich es übergebe."

 

Dankbarkeit:

Da kommt es zum zweite Mal. Das Gefühl von unendlicher Dankbarkeit für diese Begegnung. Momente solcher Demut sind selten in meinem Leben. Sie hat mich wieder daran erinnert, warum ich tue was ich tue. UnternehmerInnen dabei begleiten Menschlichkeit in ihren Firmen zu ermöglichen. Mit allen Konsequenzen. Eine schöne Aufgabe ...

 

 

Dieser Artikel ist ursprünglich auf meinem LinkedIn Profil erschienen: Zum Artikel >>

 

Vielen Dank für Ihre Zeit.

Joan Hinterauer

 

 

 

 

 

 

Joan Hinterauer ist nach 15 Jahren aus dem Karriere-Hamsterrad ausgestiegen.

Er kennt Konzerne aus der Innensicht ebenso, wie den familiengeführten Mittelständler. Dabei ist ihm keine Hierarchieebene unbekannt. Er startete im Ferienjob als Bauhilfsarbeiter und beendete das Kapitel der abhängigen Beschäftigung mit einem Vertrag als Geschäftsführer. Seit 2015 widmet er sich in seiner Selbstständigkeit der Zukunft von Führung und Unternehmertum bzw. Arbeit und Wirtschaft. Er unterstützt Unternehmer/innen und deren Firmen als Sparringspartner, Berater und Speaker. Zu seiner eigenen Klarheit in der Arbeit mit Kunden hat er das Manifest des Digitalen Humanisten ins Leben gerufen.

 

Gemeinsam mit Bestsellerautor und Wirtschaftsvordenker Gebhard Borck inspiriert er auf der Perspektivreise Unternehmer/innen für eine Betriebswirtschaft mit Menschen. Im Aktivistencamp für Neue Arbeit teilen die beiden ihre Erkenntnisse aus gelungenen Transformationen und vermitteln das Handwerkszeug, das eine Wiederholbarkeit ermöglicht.

 

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#Demut #Unternehmer #Leben

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