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  • raphaelclemencio

Das erste Mal wurden wir mit unseren Fahrrädern am Zoll skeptisch gemustert und gefragt weshalb wir mit solchen Reisefahrrädern einreisen möchten. Als wir sagten wir wollen Istanbul touristisch erkunden liess er uns dann zum nächsten Posten passieren. Generell handhaben wir es so, dass wir immer die nächste grössere Stadt nennen, denn wenn wir direkt China als Zieldestination nennen glauben uns nur Radreisende. Beim nächsten türkischen Zöllner angekommen, hatten wir auch die Premiere der Inspektion unserer Gepäckstücke. Mit etwas grösserem Zeitaufwand und dreimaligem Vorweisen unserer Idenitätskarten, passierten wir die Grenze problemlos.

 

 

Kesan lautete die Stadt in welcher wir uns verpflegten und diese noch passieren wollten um so weit wie möglich von der Grenze entfernt unser Zelt aufzubauen. Im Einkauszentrum ging David nach einem türkischen Menü ausschau halten, währenddessen ich auf der Terrasse unserer Räder bewachte. David erschien mit einem leckeren, von mir als oberste Priorität gewünschten, Teller mit Lammfleisch und einem jungen Mann namens George. George lebt in der uns bestens bekannten griechischen Stadt der Mückenstrände “Alexandroupoli” und hatte uns zuvor in selber Stadt gesehen und habe uns mit unseren Räder sofort wieder erkannt, weshalb er David dann auch ansprach. Er kaufe häufig in der Türkei ein, da es hier billiger sei. Wir genossen die Gesellschaft von George und die erste Bekanntschaft mit der türkischen Küche.

 

 

 

Unser Zelt platzierten wir auf einem hübschen Hügel oberhalb der Stadt Malkara. Zwar sind wir uns die Gebete von den Moscheen von gewissen Balkanstaaten schon gewohnt doch am nächsten Morgen erwachte ich deshalb. An dieser Stelle kann gesagt werden, dass wir meist mit dem Sonnenuntergang schlafen gehen und mit dem Sonnenaufgang wieder aufstehen. So kommen wir locker auf 10-13 Stunden Schlaf. Den fremden Worten und Klängen des Imams lauschend, der mit diesen die Leute zum Gebet einlädt, genoss ich den Sonnenaufgang, währendessen David noch etwas weiter döste.

 

Wie häufig reichte das am Vortag getankte Wasser mit dem Kochen, Trinken und meiner bescheidenen Körperhygiene bis zum nächsten Mittag. Am Fusse eines Hügels der einen Aufstieg über 3 Kilometer und etwa 250 Höhenmeter hatte, stärkten wir uns bei Café, Süssgetränk, Chips und Süssigkeiten an einer Tankstelle. Gerade losgefahren hatte David nach einigen Metern das Gefühl er müsse jetzt an diesem Brunnen seine Wassertanks auffüllen. Zu sehr weiss ich wie jedes Gramm beim Aufstieg spürbar ist und zudem bin ich geprägt von den Bildern der “Tour de France” wie die Fahrer in den Anstiegen des “Mont Ventoux”, “Alpe d’Huez” und wie die mächtigen Berge alle heissen, ihre Bidons leeren. So nahmen wir den Hügel getrennt in Angriff. Auf dem Gipfel angekommen hatte ich reichlich Zeit, die Natur und die am anderen Fusse liegende Stadt Tekirdag zu bestaunen.

 

Auf der letzten Etappe nach Istanbul stärkten wir uns bei Yilmaz mit einem Dürüm. Er empfing uns mit offenen Armen und verabschiedete sich für uns ungewohnt, jedoch üblich unter Männern in der Türkei, mit zwei Kopfberührungen die der Backenkussbewegung sehr ähnlich sind. Je näher wir an Istanbul kamen desto mehr nahm die Frequenz der an uns vorbei rauschenden Autos und Lastwägen zu. Die Strecke war bis auf den letzten Abschnitt relativ flach. Dank einem beträchtlichen Aufwand unser Sponsoren, konnten wir vor der Abfahrt in der Schweiz Rennradlenker an unseren Tourenvelos montieren. Auf diesem Tourenabschnitt aber auch auf der ganzen bisherigen Reise zeichnete sich diese Lenkerauswahl als die Beste aus. Nur so konnten wir flowartig mit dem Verkehr fahren und meisterten die schlussendlich 131 Kilometer ohne gröbere Zwischenfälle. Mir setzte gegen Ende der Verkehr jedoch ziemlich zu, was sich in der Konzentration zeigte: ich hatte meinen ersten Sturz. Zu nahe im Windschatten von meinem Bruder fahrend, touchierte ich seitlich, bei etwa 20Km/h fahrend, leicht seine Gepäcktasche. Ich verlor die Balance, konnte mein Rad fast noch halten, dieses landete ohne grobe Kratzer im Strassengraben. Als filmreif beschrieb David die Szene, denn wie durch ein Wunder konnte ich intuitiv von meinem schwankenden Rad abspringen und landete unversehrt auf den Füssen. Somit war ich dann sehr froh als wir in unserem Appartement inmitten der touristischen Hotspots in Istanbul ankamen.

 

 

Wir verbrachten 5 Ruhetage in der für uns so faszinierenden und belebten Stadt. Das zwei Kontinente an einem Ort aufeinandertreffen haben wir so noch nie erlebt. Es war ein Eintauchen in eine neue und sehr gastfreundliche Kultur. Erholung pur fanden wir im Hammam, Wissenserweiterung zum Islam in einem Vortrag und dem anschliessenden Besuch der “blauen” oder auch bekannten “Sultan Ahmet Moschee” und etwas für den Kopf im historischen Museum für islamische Technologie. Für mich ist Istanbul das wahrhaftige “Tor zum Orient”.

 

Nach diesen inspirierenden Ruhetagen führte uns der Weg an das schwarze Meer. Der Küste entlang fahrend, mussten wir schauen, dass wir überhaupt noch dazu kamen unser Zelt Abseits der Städte aufzuschlagen, da wir bei fast jedem Halt zu Çay (türkischer Schwarztee) eingeladen wurden. Das wir auch unterwegs ständige Energie in Form von Äpfeln, Brot, Zuwinken und motiverendem Autohupen erhalten, ist Zeuge von dem aus unserer Sicht bisher herzlichsten Land, welches wir auf unseren Fahrrädern erleben durften.

 

 

 

Die Küste des schwarzen Meeres stellte ich mir etwas flacher jedoch auch karger vor. Erlebnisreich war die Entdeckung einer Ruine in welcher wir ohne Aufstellen des Zeltes im Trockenen übernachten konnten. Ausgeschlafen und voller positiven Emotionen brachte uns eine erneute Begegnung mit einem Jäger nicht mehr so schnell aus dem Konzept. Wir befanden uns ja auch nicht mehr im Gebüsch wo man uns mit Wildtieren verwechseln konnte, sondern hatten für diese eine Nacht die “eigenen” vier Wände.

 

Der letzte Streckenabschnitt war wie so oft von weiteren bleibenden Begegnungen mit Vater und Sohn, Studenten und Bauunternehmer geprägt. Unterdessen sind wir für einen nächsten Ruhetag in “Amasra” angekommen und erlebten auf dem Weg dorthin einen spürbaren Wetterumbruch, hoffen jedoch auf keinen baldigen Wintereinbruch. Wir wurden im letzten Streckenabschnitt bis auf die Knochen nass, so dass uns die Wasserfluten aus den Pfützen der vorbeifahrenden Lastwagen nichts mehr anhaben konnten.

 

 

 

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Geprägt von den schlammigen Wegen in Bulgarien, wollten wir in Griechenland nicht den selben Weg einschlagen. Nach der Grenze hatten wir wiederum die Wahl zwischen bergauf und schlammigen Wanderwegen oder rund 5km Autobahn. Wir entschieden uns rasch für den Weg auf dem Pannenstreifen.

Die restlichen Wege bis ans thrakische Meer waren dann idyllisch und der Verkehr war kein Problem, so dass wir in zwei Tagen Kavala erreichten. Was uns jedoch auf dem Weg dorthin zusetzte war der Regen. Es regnete in Strömen und wir waren bis auf die Knochen durchnässt. Glücklicherweise waren die Aussentemperaturen nur leicht unter 20 Grad Celsius, weshalb wir nicht frieren mussten.

 

Die Stadt Kavala eignete sich ideal um eine Pause einzulegen und so nahmen wir uns ein feines Appartement. Zwei weitere Tage regnete es stark. Den dritten sonnigen Tag nutzten wir dann um die Unterwasserwelt zu erkunden: David und ich haben beide in den Philippinen unseren Tauchschein gemacht. Beide lieben das schwerelose Gefühl unter Wasser und wir absolvierten zwei Tauchgänge. Verwöhnt von den Eindrücken der philippinischen Korallen war das höchste der Gefühle ein Oktopus den wir auf 18 Metern Tiefe streicheln konnten.

 

 

Wieder an Land fuhren wir am Tag darauf wieder etwas in das Landesinnere. Die Leute hupten weiterhin zur Unterstützung und winkten uns zu - so lässt es sich gut fahren. David überzeugte mich etwas früher als sonst das Zelt aufzuschlagen und es lohnte sich. In der Nähe eines Flusses und einer mittelalterlichen Brücke verbrachten wir einen idyllischen und ruhigen Abend. Am Morgen danach begenete uns beim Aufbrechen ein Herr der uns fragte ob wir über die Berge gefahren seien mit unseren Fahrrädern. Wir verneinten und darauf meinte er in englischer Sprache: “Wir Griechen haben frücher solche Dinge getan, dies waren die Zeiten der Olympischen Wettbewerbe, dann haben wir gemerkt dass dies wenig Sinn ergibt und entdeckten den Alkohol.” Ich hatte sichtlich Freude am Humor des Griechen, doch mit seiner Aussage konnte ich wenig anfangen, sind die Olympischen Spiele doch das Grösste einer sportlichen Laufbahn.

 

 

30km von der türkischen Grenze entfernt, beschlossen wir unser Zelt in der Nähe des Meeres aufzubauen. Die Kulisse war mit dem beginnenden Sonnenuntergang traumhaft. Wir bemerkten jedoch rasch, dass die Mücken in dieser Sumpfregion sehr aggressiv und definitiv in der Überzahl waren. Wir hatten noch nie eine solche Mückeninvasion erlebt, was dazu führte uns direkt ins Zelt zu begeben und erst am Morgen danach wieder ein Fuss vor den Reissverschluss zu setzen.

 

 

Der Weg zum türkischen Zoll wurde durch eine weitere Velo-Bekanntschaft mit Jess und Shaun aus England versüsst. Diese Bekanntschaften bedeuten uns sehr viel, so sind die Gespräche über Reiserouten und Material trotz der meist kurzen Dauer schnell tief und die Freude und Emotionen lässt uns am Strassenrand den vorbeirauschenden Verkehr vergessen.

Anmerkung:

Leider gingen uns sämtliche Fotos der Kamera welche wir auf der externen Festplatte gespeichert haben verloren.. Glücklicherweise verfügen wir noch über die Fotos bis Bulgarien da wir diese ebenfalls auf eine Cloud hochgeladen haben. Die verwendeten Fotos von Griechenland stammen von meinem Smartphone.

  • davidclemencio8

Unser Plan war es, in der Nähe von Dimitrovgrad (Serbien) die Grenze nach Bulgarien zu überqueren. Dort angekommen kam dann die Überraschung: unsere Karten- und Navigationsapps zeigten den Grenzübergang irgendwo im Wald an. Also beschlossen wir diesen Weg einzuschlagen. Als der Feldweg plötzlich zum Wanderweg mutierte, konsultierten wir nochmal unsere Karten. Darauf sahen wir, dass es auf der Autobahn noch einen Zollposten gibt. So beschlossen wir, unser Glück dort zu versuchen. Dabei mussten wir wohl einen etwas verwirrten Eindruck gemacht haben, denn ein LKW-Fahrer wies uns freundlicherweise in die richtige Richtung.

Auf der bulgarischen Seite angekommen fragten wir den Zöllner nach dem nächsten Weg runter von der Autobahn. Dieser lachte nur und meinte: "You're in Bulgaria now, this is not the highway."

So fuhren wir auf dem Pannenstreifen der 'nicht-Autobahn' in Richtung Sofia.

In Sofia legten wir die nächste Pause ein. Wir schlenderten durch die Stadt, fütterten Tauben in Parks und genossen die Zeit für ein Mal nicht auf den Fahrrädern.

Ein Mitgrund weshalb wir die Haupstadt Bulgariens angesteuert hatten war, dass uns René vom Ski und Velo Center ein Paket ins Hostel geschickt hatte. Leider gab es irgendwelche Probleme bei der Zustellung. Bis Heute wissen wir nicht, wo das Paket hängengeblieben ist... :(

 

Als wir eines Abends an einem Restaurant vorbeigingen, entdeckte ich ein Reiserad welches von einem niedlichen Hund bewacht wurde. Sofort sprachen wir den Besitzer des Velos an. Es stellte sich heraus, dass sich Wassili auf dem Rückweg nach Belgien befindet. Schon seit geraumer Zeit ist er unterwegs und hat dabei fast die selben Länder wie wir und noch einige mehr, wie zum Beispiel Tschechien oder Österreich, durchquert. Bei einem Bier tauschten wir Erfahrungen und Geschichten aus und genossen das Zusammensein.

Wassili war auch der Hauptgrund warum wir unsere Route kurzfristig abgeändert haben und wir von Sofia aus südlich in Richtung Griechenland weiterfuhren.

 

 

Um ein paar Höhenmeter zu umfahren beschlossen wir, durch einen Nationalpark südwestlich von Sofia zu radeln. Am späten Nachmittag trafen wir auf einen älteren Herrn. Dieser beobachtete uns zuerst erstaunt, wie wir vollbepackt den Schotterweg entlangfuhren, dann sprach er uns an und gab uns mit Händen, Füssen und einigen bulgarischen Wörtern zu verstehen, dass der Weg noch viel schlechter werde und wir nicht weiterfahren sollten.

Da die Zeit schon fortgeschritten war und wir auf der Karte viele potentielle Schlafplätze entdeckt hatten, beschlossen wir die gutgemeinten, und wie sich am nächsten Tag herausstellen würde, zutreffenden Ratschläge zu ignorieren.

 

In der Nacht wurde ich mehrfach von starkem Regen und Donner geweckt. Durch den Regen wurde aus dem schlechten Weg ein sehr schlechter Weg. Teilweise versanken unsere PAPALAGIs beinahe beim durchqueren von Pfützen. Dazu kam, dass sich der Schlamm überall festsetzte uns wir ihn immer wieder wegkratzen mussten. Für eine Strecke von gut fünf Kilometern benötigten wir ganze zwei Stunden. Nicht zuletzt dank der super 18-Gang-Schaltung unserer MTB Cycletech-Räder gelang es uns doch noch die nächste asphaltierte Strasse zu erreichen. Für uns war dieser Härte- und Materialtest die definitive Bestätigung, dass wir die richtigen Fahrräder für unsere Tour ausgewählt haben und wir sind uns sicher, dass wir damit den Weg nach China schaffen können.

 

 

Dort wurden wir gleich mit der nächsten Entscheidung konfrontiert. Entweder mussten wir einen Umweg von etwa 30km fahren, dazu teils auf Feldwegen (welche höchstwahrscheinlich im selben Zustand wie der vorherige gewesen wären) oder riskieren einen kleinen Abschnitt von etwa 3km auf der Autobahn zu fahren. Da wir das Schneckentempo satt waren und keine Lust auf weitere "Fahrradschiebereien" hatten, wählten wir die zweite Option.

Mit den Worten des Zöllners im Hinterkopf rasten wir mit den Autos um die Wette!

 

Glücklicherweise hörte der Regen am Nachmittag auf und wir konnten unser Lager im trockenen aufschlagen. Erschöpft aber mit einem Gefühl dass wir alles schaffen können kuschelten wir uns in die warmen Schlafsäcke.

 

 

Unweit der griechischen Grenze suchten wir eine Autowaschanlage und reinigten und pflegten unsere Drahtesel gründlichst. Mit unseren letzten Lewa kauften wir fürs Abendessen ein und deckten uns mit einem Vorrat an Sonnenblumenkernen ein, die wir jeweils während dem Kochen zu uns nehmen.

Danach gings wieder auf einer Art Autobahn, die keine war, über die Grenze nach Griechenland.