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Die «Citoyens fâchés», die «wütenden Bürger» von 1918

von Andreas Thürer, August 2018

Gegen Ende des ersten Weltkriegs stieg auch in der Schweiz die Zahl der gewaltbereiten Bürger. Mit Bürgerwehren wollten sie die Schweiz vor der «bolschewistischen Revolution» schützen.

 

Gegen besonnene Staatsbürger, die ihre Meinungsverschiedenheiten respektvoll austragen, hat wohl niemand etwas einzuwenden. Problematisch sind hingegen «Citoyens fâchés», gerade dann, wenn sie breite Akzeptanz finden, salonfähig werden und sogar noch bewaffnet sind. Bei zunehmendem sozialen Elend und einer Verschärfung der politischen Spannungen gegen Ende des Ersten Weltkrieges stieg die Zahl der gewaltbereiten Bürger nicht nur in den kriegsführenden, sondern auch in neutralen Ländern wie der Schweiz.

 

Angst vor der «bolschewistischen Revolution»

Dieser neue Typus von «Citoyens» verstand sich als «Résistance civique», welche die bestehende politische und soziale Ordnung durch die «Bolschewiki» bedroht sah. Diese hatten sich in Russland im Oktober 1917 an die Macht geputscht und begannen Andersdenkende auszuschalten. Die «Citoyens fâchés» schürten die weitverbreitete Angst, dass die «bolschewistische Revolution» über die revolutionierten deutsch-sprachigen Nachbarstaaten auf die Schweiz überschwappen könnte. Pauschalisierend wurden die demonstrierenden und streikenden Unzufriedenen als «Bolschewiki» oder zumindest «Bolschewismus-anfällig» gebrandmarkt, und man schreckte vor dem Mittel der Falschmeldung nicht zurück. Die Schweiz dürfe nicht zum «Experimentierfeld bolschewistischer Agitatoren» werden, heisst es in der vom Entente-freundlichen Bundesrat Gustave Ador formulierten Pressemitteilung der Landesregierung vom 6. November 1918. Hemdsärmeliger drückte sich der deutschfreundliche «Bürgerwehrgeneral» Eugen Bircher am 24. November in Vindonissa bei der grössten vaterländischen Kundgebung gegen den Landestreik aus: Man wolle nicht «der Saustall Europas» werden.

Zur Rolle des Bolschewismus im Landesstreik äusserte sich unter anderem ein «nicht-bolschewistischer» Tessiner Eisenbahner in einem offenen Brief: Über alle Parteigrenzen hinweg hätten sich Eisenbahner spontan am Streik beteiligt, um ihrem Ärger Luft zu machen über das Regime der SBB, wo das Arbeitsklima immer schlechter werde und wichtige gesetzliche Bestimmungen nicht eingehalten würden. Keine Rede von Anstiftung zum Streik. Die Einschüchterung der Streikenden durch Waffengewalt habe das ihre zur Streikbereitschaft beigetragen.

 

Vorfälle in Genf und Lausanne

Wie gereizt das politische Klima im Umfeld des Landesstreiks (12.–14. November) war, zeigen unter anderem Vorfälle in Genf und Lausanne. Am 9. November, dem Tag des Proteststreiks gegen das Truppen-Aufgebot in Zürich, wurde der sozialistische Gemeinderat Rosselet auf dem belebten Lausanner Platz Saint François tätlich angegriffen, als er Flugblätter verteilte, welche auf den folgenden Tag zu einer Protestversammlung aufriefen. Rosselet habe, so der Berner «Bund», «froh sein» können, dass ihn die Polizei «in schützende Obhut» genommen habe; sonst wäre er arg misshandelt worden. Am 11. November – am Tag der Unterzeichnung des in der frankophilen Rhonestadt Genf intensiv gefeierten Waffenstillstands von Compiègne und am Tag vor dem Beginn des Landesstreiks – versammelten sich Arbeiter zu einer zunächst bewilligten und dann auf Druck von «Sociétés patriotiques» wieder untersagten Kundgebung. «Mutige Bürger», so der vornehme «Journal de Genève», hätten sich in «entschlossenem Kampf» der roten Fahne bemächtigt und sie verbrannt. Dabei habe die zuschauende Menge applaudiert und die «Marseillaise» gesungen. Nach dem Landesstreik verbrannten Soldaten der Tessiner Ordnungstruppen, ebenfalls unter Beifall erzürnter «Cittadini», eine die russische Revolutionärin Anzelika Balabanova darstellende Puppe aus Lumpen.

Bürgerwehren als dritte Ordnungsgewalt

Die «Citoyens fâchés» warfen den Regierenden Schwäche vor und griffen zum Mittel der Selbsthilfe. Sie gründeten Bürgerwehren, welche eine neue, dritte Ordnungsgewalt neben intakter Armee und Polizei darstellten; die drei Institutionen standen einer unbewaffneten Arbeiterschaft gegenüber. Mit politisch einseitigen Bürgerwehren war der rechtsstaatliche Grundsatz des staatlichen Gewaltmonopols und der Neutralität der Staatsgewalt ernsthaft in Frage gestellt. Brisant war der Fall von Basel-Stadt, wo sich die Kantonsregierung aus Angst vor einem Bürgerkrieg gegen bewaffnete Bürgerwehren aussprach, diese dann aber militarisiert wurden. Oberstdivisionär Emil Sonderegger, Kommandant der Ordnungstruppen in Zürich, sah den Sinn der freiwilligen Bürgerwehren in der Sicherung des Aufmarsches der Ordnungstruppen; sie sollten zusammen mit der Polizei verhindern, dass «das Feuerlein ... zum Grossfeuer» werde. Zudem sollte der «Zürcher Bürgerschaft» durch die polizeiliche Selbsthilfe zu «grösserem Kraftbewusstsein» verholfen werden, nachdem sie die «Unverschämtheiten» der «Radaubrüder» feige hingenommen habe. Die staatlich anerkannten respektive militarisierten Bürgerwehren wurden mit Waffen ausgerüstet, zum Teil sogar mit Maschinengewehren und Handgranaten. Gelagert wurden die Waffen – nicht immer gut versteckt – zum Beispiel «auf dem Lande» wie im Aargau oder in öffentlichen Gebäuden, etwa der Universität Zürich oder des Oltener Postgebäudes.

Welche Ordnung sollte durch die Bürgerwehren geschützt werden? Eine Vorstellung bekommen wir durch zwei im Frühling 1919 entstandene Volksinitiativen: Bürgerwehrkreise im Aargau lancierten die erste «Überfremdungsinitiative» der Schweizer Geschichte, solche in Zürich die Schutzhaftinitiative. Die «Ausländerinitiative» verlangte die Ausweisung von Ausländern, die man für gefährlich hielt, die «Schutzhaftinitiative» die sofortige Schutzhaft für Schweizer Bürger, welche die innere Sicherheit des Landes zu gefährden schienen.

Waffendepot in der Kirche

Die Behörden hielten mit Informationen über die Bürgerwehren zurück und die Linke musste sie ihnen mit Interpellationen abtrotzen. Im Berner Kantonsparlament interpellierte SP-Grossrat Bolz 1928 zu einem Bürgerwehr-Waffendepot in der Kirche Muri. Dieses Depot sei 1918 «in liebevoller und christlicher Weise gegen die Arbeiter» angelegt worden. Bolz machte sich Sorgen um seinen (vermutlich der BGB angehörigen) Ratskollegen und Dirigenten Holzer; sein Chor würde vielleicht einmal in der Kirche so inbrünstig singen, dass es für die Munition zu warm werden und ein Unglück passieren könnte.

 

Andreas Thürer ist Historiker im Unruhestand. Er tritt für eine weltoffene und soziale Schweiz und einen respektvollen Umgang mit Minderheiten im In- und Ausland ein.

 

Legende: [Grève générale 1918: Hôtel des Postes à La Chaux-de-Fonds], [S.l.] : [s.n.], [1918], 1 carte postale : photographie noir et blanc ; 9 X 14 cm, CFV ICO CP-4267

 

Bildquelle: Bibliothèque de la Ville de La Chaux-de-Fonds, Cabinet des arts graphiques, Fonds cartes postales