• Claude Schwartz

Einige Ausschnitte zum Probelesen

Aktualisiert: Okt 12

Auszüge aus dem Buch "Pleiten, Sex und Rock'n'Roll". Viel Vergnügen beim Reinlesen.

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… Beinahe schwerelos glitt ich über die zweispurige Landstraße. Gleiten konnte man eigentlich nicht sagen, denn der alte, teilweise stark zerbeulte Mazda 323 ratterte wie ein Traktor mit abgesägtem Auspuff, der einen vollen Heuwagen die Böschung hoch schleppt. Aber in diesem Moment fühlte es sich an wie ein Gleiten, ganz ohne Ballast. Rund eineinhalb Stunden zuvor war das hohe Fieber aus meinem Körper entwichen, wie das Wasser aus einem vollen Eimer, der gerade umgestürzt war. Nach mehreren Tagen mit Temperaturen zwischen 39 und 40,5 Grad fühlte sich der Moment magisch an ‒ eben wie ein schwereloses Gleiten.

Nicht zum ersten und es sollte auch nicht das letzte Mal sein, überfiel mich dieses selbstgefällige Fieber. Kein anderes Symptom begleitete die Temperaturschwankung. Ebenso schnell, wie das Fieber nach ein paar Tagen wieder abflachte, so abrupt war es, wie aus dem Nichts, enorm angestiegen. Die Mutter meiner damaligen Freundin hatte mir den Tipp gegeben, Essigwickel um Hand- und Fußgelenke zulegen. Ein paar Minuten, nachdem ich Marion von meinem Gespräch mit ihrer Mutter berichtet hatte, klatschte sie mit grimmiger Miene heiße Tücher um meine Extremitäten. Die Rolle der Krankenpflegerin war nicht ihr Ding. Auch Geduld gehörte nicht zu ihren Stärken. Und wie es das Wort »Patient« schon sagt, sollte man imstande sein, kranken diese Geduld entgegenzubringen. »Ähm, die müssen kalt sein, hat Deine Mutter gesagt«, wandte ich leicht eingeschüchtert ein. »Ach Quatsch. Du hast Fieber und da soll ich Dir etwas Kaltes umwickeln? Das glaubst Du wohl selbst nicht? Die müssen heiß sein und damit basta!«, erwiderte sie unwirsch.

Nachdem sie die Umschläge bereits zum dritten Mal erneuert hatte, meinte ich, der Kopf würde zerspringen. Mein Gehirn fühlte sich an, als würde es in einem Wäschetrockner umher purzeln. Der einzig klare Gedanke, der das Delirium durchbrach, zwang mich, trotz der Fesseln an den Gelenken, mir das Thermometer unter eine Achsel zu klemmen. »Marion ..., Marion«, rief ich mit brüchiger Stimme. »Na, was ist denn jetzt schon wieder!«, antwortete der Umriss nach einigen Momenten missmutig unter dem Türbogen hervor. Ich hielt Ihr den Fiebermesser entgegen, der 40,5 Grad anzeigte: »Fast ein Grad mehr. Ich glaube die Umschläge müssen wirklich kalt sein.« Mit dem Gesicht, bleicher als eine Meissner Porzellanfigur, riss sie mir die Tücher von den Gelenken. Diese Korrektur drückte die Temperatur auf etwa 39 Grad herunter. Und nun, drei Tage später, war ich, noch immer etwas schwach, aber ohne Fieber unterwegs zu meinem Arzttermin.

Durch die dünnen Nebelschwaden im November-kalten Morgengrauen bemerkte ich in der Ferne vier Scheinwerfer auf gleicher Höhe. »Sieht aus, als würde da jemand in einer Rechtskurve überholen«, dachte ich mir. Die Straße bahnte sich den Weg in langen Windungen am Fuße niedriger Hügel entlang. Links erhoben sich Hänge, die mit ausgetrocknetem Gras bewachsen waren. Rechts dehnten sich, nach einer seichten Böschung, riesige Felder aus, die wohl nur wenige Tage zuvor gepflügt worden waren. Ich war mit etwas mehr als achtzig km/ h unterwegs.

Entspannt ließ ich mich auf ein Gedankenspiel ein: »Was, wenn mir in einer der nächsten Linkskurven plötzlich ein Wagen auf meiner Fahrspur entgegenrast?«, fragte ich mich. »Links einschlagen? Nee, da kann ich mir gleich den Sarg bestellen. Eine Frontalkollision mit dem, der gerade überholt wird, wäre garantiert.« Ich inspizierte den rechten Straßenrand, die Böschung und den weiten Acker dahinter. »Das Lenkrad nach rechts herumzureißen und über den Abgrund zu segeln, wäre wohl die einzige Rettung. Der Mazda wäre zwar Schrott, aber vielleicht käme ich mit dem Leben davon.«

Ich betrachtete nochmals die immense Ackerlandschaft und wandte meinen Blick, mit tiefer innerer Ruhe, wie ich sie nur selten gefühlt hatte, zur kommenden, engeren Linkskurve. Plötzlich blitzte es vor mir auf. Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich nur noch gleißendes Weiß. Ich wurde durchgeschüttelt, als hätte man mich in einem Fass einen schroffen Felshang hinuntergeworfen. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich wieder zu mir gefunden. Als ich die Augen öffnete, saß ich mit starr ausgestreckten Armen da, meine beiden Hände umklammerten krampfhaft das Lenkrad. Mein Herz raste und pochte bis zu meinen Augen. Der Wagen stand im Acker, der Motor, abgewürgt und die Elektrik von der Batterie gespeist. Allmählich löste sich die enorme Spannung, mit der ich mich noch immer kraftvoll gegen die Rückenlehne drückte.

Ich hatte keine Ahnung, weshalb ich hier gelandet war. »Ich muss die Batterie schonen«, zischte es durch meinen wirren Kopf. Wie in Zeitlupe drehte ich die Zündung ab und machte die Lichter aus. Meine Arme schmerzten vor Erschöpfung. Ich legte sie an meinen Oberkörper, die Hände in den Schoss und blieb einige Minuten, noch immer mit gehetztem Atem, regungslos sitzen. Bilder blitzen in mir hoch. Irgendwas, ein großer Klotz, etwas Undefinierbares, war plötzlich vor meinem Wagen aufgetaucht. Keine Form, nicht mal eine Farbe konnte ich dem Ding zuordnen.

Wie benebelt stieg ich aus dem Auto. Der Boden war gefroren und mein Atem verursachte Dampfwölkchen. »Bin ich etwa dem Wagen ausgewichen, den ich zuvor von Weitem gesehen habe? Oder war es ein andres Fahrzeug? Oder habe ich vielleicht nur geträumt? Bin ich einer Fiktion ausgewichen? Bin ich meinem eigenen Gedankenspielchen auf den Leim gegangen?« Je mehr Zeit verging, desto überzeugter war ich, dass mir mein Kopf einen Streich gespielt hatte. Wahrscheinlich hatte ich mich ohne realen Grund von der Fahrbahn katapultiert.

Ich setzte mich in den Wagen und ließ den Motor anspringen, doch vom Fleck wollte das Ding nicht kommen. Ich kontrollierte, ob ich auf einer Unebenheit aufsaß. Als ich wieder aufschaute, bemerkte ich, wie ein Fahrzeug an meiner Abflugstelle anhielt. Hastig stieg ein etwa fünfzigjähriger Mann aus. »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«, rief er mir zu, während er die Böschung heruntergestolpert kam und dabei beinahe hinfiel. »Ich glaube schon«, erwiderte ich. Er eilte auf mich zu. »Hier ging es um Millimeter, sag ich Ihnen. Dass der Irrsinnige nicht in Sie reingekracht ist, grenzt an ein Wunder. Ich hatte einen Hunderter darauf, als der Spinner mich überholte. Der war bestimmt mit 130 Sachen unterwegs. Ich will mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn' s geknallt hätte. Wir alle wären in Leichensäcken weggeschafft worden«, erklärte er mir keuchend. Ich habe mich an ihn gehängt, um das Kennzeichen zu notieren. Der ist gerast, als wäre die Mafia hinter ihm her.

Der freundliche Herr kam mir vor wie ein Engel. Ich war also doch nicht übergeschnappt. Beruhigend. Der Mann steckte mir seine Notizen über den Kamikaze-Raser zu, schrieb mir seine Adresse auf und stellte sich für ein mögliches Gerichtsverfahren als Zeuge zur Verfügung. Der uneinsichtige Beinahe-Selbstmordattentäter wurde mit einem einjährigen Führerscheinentzug bestraft. Die Zahlung für den Schaden am Wagen und die Bergungskosten, zu denen er zusätzlich verurteilt wurde, hat er nie geleistet. Glücklicherweise hatte mein rostiger Mazda unseren Flugversuch einigermaßen unbeschadet überstanden. Als neues Merkmal wies er nun in der vorderen Stoßstange eine Kerbe auf, ein Souvenir, das der Pfosten hinterließ, den ich auf der Startrampe wegrasiert hatte.

Mit meinen knapp 22 Jahren war ich mit viel Glück um ein Haar einer Frontalkollision und dem sicheren Tod entgangen. Damals überglücklich, den Vorfall gerade noch um Haaresbreite überlebt zu haben, wünsche ich mir heute nichts sehnlicher herbei, als den Tod …

… der kurze Summton wiederholte sich wahrscheinlich schon zum zehnten Mal. Bereits am Vorabend hatte ich mehrmals versucht, meine Mutter zu erreichen, sogar bis spät in die Nacht hinein, aber ohne Glück. An diesem Tag hatten sich bestimmt ein weiteres Dutzend Versuche dazu addiert. Meine Mutter war verrückt nach dem Telefon. Sobald es klingelte, rannte sie. Es war der Draht zur Außenwelt, ein mikroskopischer, sporadisch aufflackernder Lichtstrahl in ein trübes, freudloses Dasein. Nicht zu antworten, war nicht Ihre Art. Entweder sie war nicht zu Hause, was über diesen langen Zeitraum hinweg auszuschließen war, oder das Telefon war defekt. Vielleicht war es nicht eingesteckt oder sie war physisch nicht in der Lage, ranzugehen. Ich tippte auf letzteres und war extrem beunruhigt.

Es war gegen neunzehn Uhr, als sich die Tür des Fahrstuhls im dreizehnten Stock öffnete. Aus der Ferne hörte ich das Trällern eines älteren französischen Chansons, das eines der Lieblingslieder meiner Mutter war. Umso näher ich Ihrer Wohnung kam, desto lauter wurde die Musik. Als ich die Türe erreicht hatte, war der Lärm unerträglich. Ich drückte den Klingelknopf, klopfte an die Tür - keine Reaktion. Über längere Zeit hinweg versuchte ich Ihre Aufmerksamkeit zu erregen, ohne Glück.

Die Nachbartür öffnete sich und eine ältere, füllige Dame trat in den Flur. Ihr griesgrämig aufgedunsenes Gesicht war gerahmt von krausem, grauem, fein säuberlich hergerichtetem Haar. Sie trug einen anthrazitfarbenen, halblangen Mantel und eine dunkle königsblaue, konservativ gestylte Handtasche. Schwerfällig keuchend, wandte sie sich zurück zur Tür, verriegelte diese, drehte sich in meine Richtung, machte drei Schritte auf mich zu und blieb an meiner Seite stehen. Sie schaute zu mir hoch und meinte mit kurzem, verächtlichem Blick zum Eingang, vor dem ich stand: »Das geht nun schon den ganzen Tag so und gestern ...« Sie schüttelte den Kopf und fokussierte meine Augen wieder, »... bis tief in die Nacht. Das ist unfassbar, nicht auszuhalten. Bei der stimmt doch was nicht!« Sie senkte den Blick, nahm einen Bogen um mich herum, wankte wie ein Pinguin dem Fahrstuhl entgegen und murmelte unverständliches Zeug vor sich hin.

Das aktuelle Lied blendete langsam aus. Ich wusste: Das war der Moment. Ich traktierte den Klingelknopf im Sekundentakt und prügelte gleichzeitig mit der anderen, zur Faust geballten Hand, auf die Tür ein. Die Musik war verstummt. Als ich das Klopfen kurz unterbrach, hörte ich das vertraute Rufsignal - die absteigende Terz - nachklingen. Ich wollte gleich wieder, da regte sich das Schloss und die Tür öffnete sich.

Meine Mutter stand regungslos mit der Falle in einer Hand und verklärtem Blick unter der weit geöffneten Türe. Sie trug ein weißes, loses, an die Hippiezeit erinnerndes Kleid, das bis knapp über die nackten Füße reichte. Es wies glockenförmige Ärmel auf, die sich nach hinten zu Zipfeln formten, wie man sich’s bei Druidengewändern vorstellen würde. Ihr schütteres Haar hing geordnet in gleichmäßigen Strähnen herunter und verdeckte beidseitig leicht das Gesicht.

»Bon jour ..., qui êtes vous? (Guten Tag ..., wer sind Sie?)« Fragte sie mit verzückter Stimme und unwirklicher Freude. Ich war baff, verstand nicht, was vor sich ging. Meine Mutter war auch an Ihren besten Tagen nicht der Typ, der Witze machte und schon gar nicht solche. Bevor ich Worte fand, fuhr sie fort. »Moi, je suis la déesse de dieux. Et qui êtes vous? Ahh, vous devez être un ange. (Ich, ich bin die Göttin der Götter. Und, wer sind Sie? Ach, Sie müssen ein Engel sein.)« »Maman? Was? Ich verstehe nicht ...« Reagierte ich verwirrt. »Ich bin’s, André, Dein Sohn.« »Sie müssen ein Engel sein, ein Engel voller Güte, hakte sie nach«. »Seien Sie willkommen. Ich freue mich über Ihr Erscheinen.« Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen: »Ich bin kein Engel, ich bin’s, Dein Sohn, André. Was ist denn mit Dir los, um Himmels willen?« »Ich bin die Göttin der Götter und Sie müssen ein wunderbarer Engel sein.« Wiederholte sie sich mehrmals. Ich versuchte mit Ihr zu sprechen, vergeblich. Ich konnte die Person, die ich als meine Mutter kannte, hinter dieser wirren Fassade, nicht erreichen ….

... Obschon ich die Wochen mit Simone genossen hatte, war ich froh, als sie wieder abreiste. Ich hatte sie eben beim Eingang zum Transitbereich verabschiedet und schlenderte an einem Kiosk vorbei, als mich eine Schlagzeile abrupt aus meiner Lethargie brüllte: In großen Lettern stand da: »Die Droge Sex! Wenn Sex statt zum Genuss, zum Suchtmittel wird!« Ich traute mich nicht einmal im entsprechenden Magazin zu blättern. Stattdessen schob ich es unauffällig in eine Tageszeitung und wollte die beiden Titel diskret bezahlen. Ohne Erfolg: Die Verkäuferin zupfte die Illustrierte aus dem Journal. »Das sind eins fünfzig fürs Tagblatt und acht Franken für den Playboy, schrie die Dame über den Tresen, sodass es der ganze Flughafen hören konnte und klatschte das Magazin auf die Zeitung«. Knallrot und mit verschmitzter Miene legte ich einen Zehner in Ihre Hand und machte mich davon. Noch bevor ich außer Sichtweite war, tönte es lautstark von hinten: »Hey, Sie da, Sie mit dem Playboy, Sie haben Ihr Wechselgeld vergessen!« Zähneknirschend und im Rampenlicht aller Anwesenden ging ich zurück und holte mir das Fünfzigrappenstück ab. Jetzt wusste es die ganze Stadt, dachte ich mir und wollte am liebsten im Erdboden versinken…

... In diesem emotionalen Rahmen, unter diesem enormen Druck igelte ich mich auch gegenüber Soraya ein. Ich war nicht mehr imstande, Ihr zuzuhören, oder Ihre emotionale Verfassung wahrzunehmen. Wenn Ihr Vertrauen bereits vor den geschäftlichen Turbulenzen schwer gelitten hatte, so wirkte meine fragwürdige Weise der Stressbewältigung, wie ein Brandbeschleuniger, ein Sterbehelfer für die Restvitalität unserer Beziehung. Gleichzeitig begann bei Ihr das Thema Treue stark an Bedeutung zu gewinnen. Immer öfter kam sie darauf zu sprechen und ich glaubte, sie wolle neuerdings Zugeständnisse, die ich Ihr nicht mit gutem Gewissen hätte machen können. Wie oft hatte ich schon Trauungszeremonien beigewohnt, bei denen die Betroffenen Treue schworen, bis der Tod sie scheide. Und wie viele von ihnen waren noch putzmunter und entweder bereits in anderen Beziehungen oder hatten das Gelübde bei Seitensprüngen gebrochen. Nein, so ein Schwur kam für mich Verrat gleich. Ich beharrte auf meiner Überzeugung, dass beim besten Willen ein Bruch der Treue nicht hundertprozentig auszuschließen sei.

Es war Samstagnachmittag. Ich hatte mit Soraya vereinbart, sie abzuholen. Sie leitete einen Tanzworkshop in Ihrem neuen Atelier im Stadtzentrum. Für mich ganz unüblich traf ich viel zu früh ein und wartete im vereinbarten Kaffee. Bei einem Latte Macchiato und einer unwiderstehlichen Millefeuille überarbeitete ich meine Notizen zum bevorstehenden Werbegroßversand. Es musste alles sitzen. Jedes Wort sollte perfekt gewählt sein und durfte seine Wirkung auf keinen Fall verfehlen. Es ging ums nackte Überleben.

»Wir müssen noch ein paar Fotos schießen.« Dachte ich. »Hier müsste ein Bild von einem Bandworkshop hin ..., ach, und eins vom vollbesetzten Informatik-Raum hier, hm... unten rechts muss auch noch etwas hin ... Ah, na klar, wir haben doch ein cooles Bild vom Robben-Ford-Gig im Club.« Das Konzert war gerammelt voll. »Das kommt ...« Ein »Hallo André!« Und ein Klacken, unmittelbar von einem leichten Scheppern gefolgt, riss mich abrupt aus meinen Gedanken. Ich hob den Blick. Eine ehemalige Schülerin hatte sich lautstark an meinen Bistrotisch gesetzt.

Als sie mich bemerkte, musste sie, wie sie meinte, unbedingt an meinen Tisch umziehen. Den Kaffee hatte sie gleich mitgebracht. Das Wackeln des Löffels im Unterteller, der zuvor das Scheppern verursacht hatte, legte sich. »Schon lange nicht mehr gesehen. Ich hoffe, es macht Dir nichts aus, wenn ich mich ein paar Minuten zu Dir setze. Wir waren ja auch schon näher beieinander.« Meinte sie mit einem schelmischen Lächeln. »Aahm ..., nee …« fasste ich mich wieder. »Meine Freundin sollte in ein paar Minuten hier sein. Aber nein, ist schon ok. Ja, schon lange her.«

Sie streifte sich eine Strähne des vollen, langen, gelockten, leicht rötlich-blonden Haares aus dem Gesicht und legte dadurch die schwachen Sommersprossen in Ihrem zarten Gesicht frei. »Ein Engelsgesicht.« Dachte ich gleich. »Wie früher schon, als wir uns noch regelmäßig getroffen hatten. Und immer noch rotzfrech.«

Und schon blitzten mir Bilder von damals durch den Kopf, wie ich sie auf die fast brusthohe Empfangstheke in den alten Räumlichkeiten der Schule gehoben hatte. Wir rissen uns gegenseitig die Kleider vom Leib. Sie beugte sich vorn über, küsste mich ungestüm auf den Mund, führte mein Gesicht zu Ihren straffen Brüsten und drückte mich an sie. Dann schob sie mich weiter runter, zwischen Ihre weit gespreizten Schenkel und legte diese über meine Schultern, um sich oral verwöhnen zu lassen. Oder ein anderes Mal, als sie rücklings gegen den Stützpfeiler gepresst war. Gegenseitig umschlungen, schwebte sie festgekeilt zwischen mir und der Säule. Ich kann das laute, euphorische Stöhnen noch heute hören. Und dann die Sache mit dem Haar. Erschöpft nach dem satten Orgasmus strich sie eine Strähne Ihres dicht gelockten Haares zur Seite und legte Ihr zartes Gesicht frei. Ich musterte sie. Ein Engelsgesicht, dachte ich mir. »Ein Engelsgesicht mit leichten Sommersprossen. Ach, wie ich Engel liebe.« Und schon verlor ich wieder meine Haltung und es ging von vorn los. Etliche Stoßbewegungen später verkniff sie Ihr hübsches Gesicht, Ihr Körper unterwarf sich erneut unkontrollierten Zuckungen. Fix und fertig setzten wir uns auf einen Stuhl, sie auf meine Schenkel und erholten uns, bevor wir uns ganz gesittet und scheinheilig an unsere Musikinstrumente machten.

Nach so vielen Jahren saß sie wieder ganz nah neben mir. »Ein Engelsgesicht mit leichten Sommersprossen. Und dieses neckische Lächeln? Ach, und Ihre wundervoll erotische Art, sich das Haar aus dem Gesicht zu streichen.« Dachte ich. »Das schafft nur sie.« Sie fixierte mich herausfordernd und führte sich den Löffel mit Milchschaum an Ihre ungeschminkten, sinnlichen Lippen. Ihr schelmisches Lächeln ließ die strahlend weißen Zähne hindurch scheinen. Sie wäre sicher ein erfolgreiches Modell für Zahncreme Werbung geworden.

Ihre grau-blau schimmernden Augen waren punkig mit breitem, schwarzem Eyeliner umrandet, die Brauen standen in puncto Verruchtheit in nichts hinterher. Ihren zierlichen Körper hatte sie in ein dunkel-beiges, ausgetragenes Opa-Unterhemd gehüllt, das man zum Hals mit drei Knöpfen hätte verschließen, können. Sie bevorzugte es freizügiger und gab Einblicke auf die Ansätze Ihrer zarten Brüste. Offen trug sie darüber eine verwaschene grüne Damenjeansjacke. Sie hatte sich in eine knappe, geflickte und verwaschene, Jeans in anthrazit gezwängt und Ihre Füße steckten in massiven, knöchelhohen schwarzen Doc Martens, die auf Hochglanz poliert waren. Extremer konnte sie den Kontrast zu Ihrem Engelsgesicht nicht unterstreichen.

Ich fragte mich, wie und warum wir uns eigentlich getrennt hatten. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, aber viele gemeinsame Sexszenen schossen mir wild durch den Kopf. Ich stellte mir Ihre zarte Muschi vor, die sie damals kahl rasiert hatte. Im Gespräch riefen wir uns gegenseitig Ereignisse aus unserer gemeinsamen Zeit wach. Einige, nicht jugendfreie Geschichten, zwangen uns, die Köpfe zusammenzustecken. Schon in wenigen Minuten hatte sich wieder eine tiefe Vertrautheit entwickelt und ich fragte mich, weshalb ich damals nicht alles darangesetzt hatte mit Ihr zusammenzubleiben.

Nach vielen Flashbacks und herzhaften Lachern verlangte sie von mir einen Zettel und Kugelschreiber. Sie notierte Ihre neue Telefonnummer, faltete den Papierfetzen zwei Mal, steckte ihn mir zu und meinte: »Wir könnten ja mal wieder etwas unternehmen.« Dann zupfte sie einen winzigen Spiegel und einen Lippenstift aus einer Brusttasche, schraubte den Deckel vom Stift, drehte die farbige Masse heraus und rieb Ihre Lippen ein, bis sie glänzend pink leuchteten.

Bernadette erhob sich und schaute mit seltsamem Gesichtsausdruck durch das weite Fenster hinter mir. Sekunden später entspannte sie sich und blickte mir in die Augen. »So, ich muss abhauen!« Sie legte die Hände um mein Gesicht und drückte mir einen herzhaften Kuss auf den Mund. Dann machte sie kehrt, stampfte lautstark mit Ihren Doc Martens quer durch den Raum und verschwand durch den Seitenausgang am anderen Ende des Lokals. Baff und mit dem Zettel in der Hand versuchte ich das Geschehene einzuordnen. Aber Zeit dafür blieb mir kaum. Es dürften keine zehn Sekunden verstrichen sein, da stand Soraya tränenüberströmt und mit roten Flecken im Gesicht vor mir. Ich bemerkte, wie sie tief atmete und alles daransetzte, sich wiederherzustellen. »Hey. Ist alles ok?« Fragte ich. »Bist früher dran, als erwartet.« Legte ich nach. Sie setzte sich wortlos, zupfte eine Papierserviette aus dem Spender, tupfte Ihre Augengegend trocken und versuchte dabei zu vermeiden, dass die Schminke noch mehr Unheil auf Ihrem Gesicht anrichtete. Sie putzte die Nase, wickelte die gebrauchte in eine weitere Serviette, stopfte den entstandenen Knäuel in Bernadettes Kaffeetasse und schob das Geschirr verächtlich von sich.

Mit kontrolliertem Lächeln und mit säuselnder Stimme meinte sie: »Die Kursteilnehmerinnen zogen es vor, heute früher nach Hause zu gehen. Dafür werden wir nächste Woche länger in der Gruppe arbeiten.« »Und woher die Tränen, hakte ich nach«? »Ach lass nur, ist nicht so wichtig.« »Nur wichtige Dinge rufen Tränen hervor, seien sie nun positiv oder negativ. Was war denn, beharrte ich«. Beinahe süffisant insistierte sie: »Ach, nichts.« Sie schien links über mir im Nichts nach einer Eingebung für eine Notlüge zu suchen. »Eine Schülerin hat einen Kommentar gemacht, der mich gekränkt hat.« »Worum ging es denn? Erzähl doch.«

Soraya drehte sich nach der Kellnerin um: »Haben Sie Orangenblüten-Tee?« »Nein, aber einen richtig feinen Zitronengras-Ingwer-Tee.« »Das hört sich gut an, bringen Sie mir bitte einen.« »Ok.« Die Dame hetzte zur Getränkeausgabe. Soraya schwang sich Ihre schwarze Ledertasche auf die Schenkel, kramte einige Papiere heraus und hob kurz den Blick zu mir. Sie fokussierte meinen Mund für wenige Momente und erklärte, während sie sich wieder abwandte: »Ich muss das noch durchsehen, die wollen bis Montag früh eine Antwort.« Und vertiefte sich in den Text. »Soraya, Du hast geweint, und die roten Flecken im Gesicht lassen darauf schließen, dass das schon eine Weile dauert. Und wegen Kritiken von Schülerinnen hast Du noch nie geweint. Was ist los?« Sie hob den Blick erneut, der jetzt noch stärker verwässert war. Trotz der Behinderung durch die Tränen konzentrierte sie sich wieder auf denselben Punkt in meinem Gesicht: »Von wem ist dieser Lippenstift an Deinem Mund? Und darf ich den Zettel sehen, den Du in der Hand hältst?« Sie griff nach dem Papier und noch bevor ich reagieren konnte, hatte sie es aufgefaltet.

Ich rieb den Handrücken über meinen Mund und schaute verdutzt auf die pinke Verfärbung am Handgelenk. Noch bevor ich Worte fand, sagte Soraya kontrolliert: »Bernadette heißt sie also.« Und reichte mir den Zettel wieder…

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