• Anna K. Baur

"Ich will rennen können, wenn es darauf ankommt."

Updated: a day ago

Die Attentate in Kassel und Halle, der Ausgang der Wahlen in Thüringen: Wegschauen ist keine Option mehr. Und jetzt? Auswandern bevor das Auswandern zur Flucht wird oder hier bleiben und für ein offenes Deutschland kämpfen? Folgend berichten zehn Menschen, die mit ihrer Stimme, den gesellschaftlichen Diskurs, aktiv mitgestalten.

Im September 2017 wird mit der AfD zum ersten Mal eine rechtspopulistische Partei in den Bundestag gewählt. Mitte 2018 erscheint "Nie zweimal in denselben Fluss", das Buch des Fraktionsvorsitzenden der AfD im Thüringer Landtag Björn Höcke. Darin schreibt er: „ Neben dem Schutz unserer nationalen und europäischen Außengrenzen wird ein groß angelegtes Remigrationsprojekt notwendig sein.“ Und da die „kulturfremden“ Menschen nicht freiwillig gehen werden, muss eine Politik „der wohltemperierten Grausamkeit“ verfolgt werden. Im September 2018 werden nicht weiße Menschen von einer terroristischen Vereinigung namens Revolution Chemnitz gejagt und angegriffen. Im Juni 2019 erschiesst ein Rechtsextremist den Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke in seinem Vorgarten, weil er für seine offene Haltung gegenüber Geflüchteten bekannt war. Am 9. Oktober 2019 hat ein Attentäter versucht in eine jüdische Synagoge einzudringen, um Gläubige zu töten. Am 27. Oktober 2019 wird die AfD mit 23,4 Prozent Wählerstimmen die zweitstärkste Partei im Thüringer Landtag. Mit Björn Höcke an der Spitze.

Was nun?

Wie sicher fühlen sich BIPOC (Black, Indigenous and People of Color), Menschen jüdischer Abstammung, Menschen mit Migrationshintergrund, im Jahre 2019, in Deutschland? Folgend berichten Mitglieder unterschiedlicher Communities, die mit ihrer Stimme, den gesellschaftlichen Diskurs, aktiv mitgestalten.

"Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es feige wäre, wenn ich wegrenne. Ich will nicht wegrennen. Ich will dazu beitragen, dass es hier besser wird." (Foto: Fräulein Magazin)

Nadia Sade Itani, 26, Studentin der Islamwissenschaften, Model, Speakerin

Warum sollte ich hier weg? Warum muss ich mir Gedanken über das Auswandern machen? Warum sollte ich mein Leben danach richten, wie andere Menschen auf mich reagieren? Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es feige wäre, wenn ich wegrenne. Ich will nicht wegrennen. Ich will dazu beitragen, dass es hier besser wird. Meine Mama arbeitet als Rechtsberaterin für Geflüchtete. Sie ist immer Nachhause gekommen und hat crazy Stories erzählt. Zum Beispiel von einer schwangeren Frau, die in der U-Bahn angegriffen und geschlagen wurde. Sie hat daraufhin ihr Kind verloren. Es ist gestorben und sie war im 8. Monat. Meine Mama ist oft richtig wütend und aufgewühlt über das was sie bei der Arbeit erlebt. Ich habe mich schäbig gefühlt, weil ich dachte: ‘Ich habe das Privileg nicht diesen Hintergrund, diesen Struggle zu haben, mein Land verlassen zu müssen. Und hier bin ich und will einfach abhauen, weil Menschen mich komisch ansehen. Anstatt wegzulaufen, wäre es edler etwas dazu beizutragen, dass es besser wird. Die Geschichte meiner Mutter hat mich zum Nachdenken gebracht: ‘Hör mal auf dich zu bemitleiden, mache mal aktiv was dagegen.’ Wie lange will man warten? Bis andere was dagegen machen? Warum kann man nicht den ersten Schritt machen und andere Menschen dazu inspirieren, mitzumachen?

"Was in Halle passiert ist, war ja nichts Neues. Jeder, der so tut, lebt hinterm Mond."

Nathan, 34, Eskapist, Autor, Regisseur

Haben die Geschehnisse in Halle mich als deutschen Juden dazu gebracht, über Auswanderung nachzudenken? Nein.

Weswegen denn? Was in Halle passiert ist, war ja nichts Neues. Jeder, der so tut, lebt hinter dem Mond. Vielmehr hat mich die Berichterstattung schockiert. Die Tatsache, dass der Fokus so sehr auf Antisemitismus gelegt wurde und nicht auf die allgemein rechtsextreme Gesinnung des Terroristen. Und dass kaum erwähnt wurde, dass diese Synagoge keinen Schutz hatte. In meinem ganzen Leben war ich noch nie in einer Synagoge in Deutschland, vor der kein Polizeischutz stand. Wie kann es sein, dass die dortige Polizei die Anfragen der Gemeinde ignoriert hat? Da ist doch ein Wurm drin.

Und dieser Wurm ist, die über Jahrzehnte totgeschwiegene, ständig wachsende Akzeptanz des "bürgerlichen" Denkens. Nein, der Terroranschlag von Halle hat mich nicht über Auswanderung nachdenken lassen. Der Einzug der AfD in den Bundestag jedoch schon.

"Rassistische Übergriffe werden weder angemessen geahndet, noch wird angemessen darüber berichtet. Also ist vielen Menschen die Lage von nicht weißen Menschen, in diesem Land, nicht bewusst."

Fabienne Sand, 27, freie Redakteurin und Autorin

Ich bewege mich zum einen in einem Umfeld, das mir als nicht weiße Frau viel Sicherheit bietet und zum anderen bewege ich mich nicht in einem akademischen Umfeld, das sich mit Rassismus- und Diskriminierungs-Fragen auseinandersetzt. Daher habe ich faktisch das Gefühl nicht unsicher zu sein. Ich glaube aber, dass sich dieses Privileg auf große Städte und Ballungszentren konzentriert. Ich glaube, dass Menschen, die nicht weiß sind, in Deutschland nicht mehr sicher sind. Und das schon länger. Ich glaube, dass es inzwischen ‘no go’ Areas für nicht weiße Menschen in Deutschland gibt. Gefährlich dabei ist, dass dies von Politik und öffentlichen Medien nicht ernst genommen wird und deswegen beschränken sich die Maßnahmen auf ein Minimum. Es gibt keine adäquaten Pläne gegen die Veränderung dieses Status Quo. Das heißt, rassistische Übergriffe werden weder angemessen geahndet, noch wird angemessen darüber berichtet. Also ist vielen Menschen die Lage von nicht weißen Menschen, in diesem Land, nicht bewusst. Ich kann nachvollziehen, dass sich nicht weiße Menschen, die in Regionen wohnen, in denen beispielsweise die AfD große Wahlerfolge erzielt, unsicher fühlen und darüber nachdenken, wegzuziehen. Es ist eine reale Tatsache mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Dieses mangelnde Sicherheitsgefühl wird durch Geschehnisse, wie beispielsweise in Halle, verstärkt. Ich merke, dass in meiner Social Media Blase mehr darüber diskutiert wird. Ich merke aber auch, dass ich mir mehr Sorgen mache. Was nicht bedeutet, ich wandere irgendwann aus. Aber ich weiß, dass ich mich, so wie die Situation jetzt ist, nicht in ländlichen Regionen Deutschlands bewegen werde. Ich werde mich nicht in Bundesländern wie Thüringen, Sachsen oder Sachsen Anhalt bewegen. Ich glaube, es ist wichtig zu sagen, dass die Bewegungsfreiheit, von nicht weißen Menschen in Deutschland, jetzt schon eingeschränkt ist. Dass diese mangelnde Ernstnahme von Politik und Medien einfach nur dazu führt, dass wir, in ein paar Jahren oder weniger, auf einmal ganz schön schockiert sein werden - nicht wir POC’s, sondern die deutsche Medienlandschaft und/oder Bevölkerung, weil es so extrem sein wird, dass es wirklich auch erklärte ‘no go’ Areas geben wird. So fühle ich zur Zeit und und es macht mir Angst, jetzt eine Sorge zu haben, die andere Menschen nicht haben. Und jetzt schon zu wissen, dass es Menschen gibt, die noch ganz andere Rassismus-Erlebnisse haben - weil sie darkskinned sind oder eine genderqueere Identität haben. Ich glaube die Menschen, die weniger privilegiert sind als ich, haben riesige Probleme und ich will mir gar nicht anmaßen, nur zu ahnen, wie sich das anfühlen muss. Ich habe Mitgefühl mit allen Brüder und Schwestern, die sich zur Zeit so fühlen. Ich habe noch nie so ein starkes Bedürfnis gespürt, meine Arbeit auszuüben, wie dieser Tage.

"Ich will hier bleiben, auch wenn Rassist*innen versuchen, uns zu brechen."

Şeyda Kurt, 27, Journalistin

Auswandern. Daran denke ich in letzter Zeit immer öfter. Doch die Vorstellung ist nicht mehr als ein vages Gedankenspiel. Denn ich wäre nicht ich ohne diese Stadt, in der ich lebe, ohne die Menschen, die ich liebe, ohne meine Arbeit, ohne meine Sprache. Ich wüsste nicht, wohin. Auswandern ist nicht wie ein Auslandssemester, das man leichtfertig hinter sich bringt. Das Leben in einem anderen Land bedeutet zwangsläufig, neue gesellschaftliche Positionen einzunehmen, gezwungen zu sein, neue Selbstverständnisse zu entwickeln. Ich will hier bleiben, auch wenn Rassist*innen versuchen, uns zu brechen. Natürlich habe ich Angst, doch mehr um andere. Ich fühle mich oft privilegiert: Ich werde nicht als muslimisch oder jüdisch gelesen, ich werde oft als white-passing* wahrgenommen. Als Frau reagiert die Mehrheitsgesellschaft anders auf mich, weil sie mich seltener als eine Bedrohung betrachtet, auch wenn ich natürlich dennoch Gefahren ausgesetzt bin. Im Alltag fühle ich mich sicher, dennoch merke ich, wie sich manche Gedanken einschleichen: In letzter Zeit trainiere ich meine Ausdauer auf dem Laufband. Vor einigen Tagen musste ich mir eingestehen, warum: Ich will rennen können, wenn es darauf ankommt.

(*white-passing: Für gewöhnlich eine Person mit einem weißen und einem BIPoC Elternteil, die aufgrund ihres Aussehens als weiße Person wahrgenommen wird.)

"Die Zukunft dieses Landes wählt sozusagen wieder für Rechtsradikale. Das macht mich fassungslos und das macht mir, ehrlich gesagt, viel mehr Angst als einzelne Anschläge." (Foto: @duygu.hepaydinli)

Noah Nurhak Sari, 22, Volontär

Was mich wirklich aus der Bahn geworfen hat, war das Wahlergebnis in Thüringen. Ich hatte das Vorurteil, dass die AfD, von den Ewiggestrigen gewählt wird und es kam heraus, dass die AfD von den unter 30-Jährigen am meisten Stimmen bekommen hat. Die Zukunft dieses Landes wählt sozusagen wieder für Rechtsradikale. Das macht mich fassungslos und das macht mir, ehrlich gesagt, viel mehr Angst als einzelne Anschläge. Denn das bedeutet, dass Tausende von Menschen hinter diesen Ideologien stehen. Ich dachte: ‘Die Alten sind irgendwann tot.’ Und jetzt müssten wir uns eigentlich bei ihnen entschuldigen, weil die über 60-Jährigen haben nicht mehrheitlich die AfD gewählt, sondern die jungen Menschen, die ich eigentlich als aufgeklärt und progressiv eingestuft hätte. Sie haben, was mich noch mehr schockiert, nicht ‘nur’ eine rechtstradikale Partei gewählt, sie haben auch noch den Spitzenkandidaten Höcke gewählt, der nachweislich ein Neonazi ist. Das macht mich sprachlos. Ich kann es nicht verarbeiten. Ich weiß nicht, was es bedeutet. Ich kann nicht verstehen, dass Menschen, die unter 30 sind, einen Typen gewählt haben, der bei Nazi-Aufmärschen mitgelaufen ist. Einen Typen, der unter einem Pseudonym für eine Nazi-Zeitung geschrieben hat, der ein Buch geschrieben hat, dass wie Mein Kampf II ist und kein Hehl daraus macht, was er will. Und er wird trotzdem gewählt. Also wahrscheinlich wird er genau deswegen gewählt.

Aber auch wenn mir das große Angst macht, was gerade in Deutschland passiert, denke ich: ‘Ich will kämpfen.’ Ich habe mich immer gefragt, warum im Nationalsozialismus kaum einer etwas dagegen gemacht hat. Wir erleben es ja gerade wieder. Wegschauen oder mitmachen. Das ist die Reaktion der meisten. Und wenn wir jetzt wissen, dass das das Problem war, dass so viele Menschen weggeschaut haben, dann motiviert es mich umso mehr dagegen anzukämpfen.

"Weiße Verbündete? Gern, wenn sie uns Türen aufschließen, uns sprechen lassen, zuhören, uns schützen, weiterbringen und versuchen, Nazis zu verhindern." (Foto: Tjarko Bohlen)

Amina Aziz, Moderatorin/ @leftstylemag

Ich bin mit Nachrichten über rassistische Gewalt und marschierende Nazis in Deutschland aufgewachsen. Nicht erst seit dem NSU wissen BIPoCs, was uns in diesem Land passieren kann. Als Kind fand ich Lichterketten gegen Rassismus schön, weil sie mir gezeigt haben, dass es Menschen gibt, die anders denken als Nazis. Menschen, die nicht in Frage gestellt haben, dass meine Familie und ich hier leben. Heute weiß ich, dass Lichterketten am Weihnachtsbaum besser aufgehoben sind. Rechte, ja sogar Faschisten, unterwandern Politik, Sicherheitsbehörden und im öffentlichen Diskurs sind sie es, die die Themen setzen. Weiße Verbündete? Gern, wenn sie uns Türen aufschließen, uns sprechen lassen, zuhören, uns schützen, weiterbringen und versuchen, Nazis zu verhindern. Der Gedanke mit allem hier Schluss zu machen, die Sachen zu packen und das Land zu verlassen ist verführerisch und aus Erfahrung weiß ich, dass eine Auszeit von Deutschland Balsam für die Seele sein kann. Doch, wenn ich nach jedem rassistischen Gewaltakt hätte auswandern wollen, wie oft hätte ich gehen müssen? Hätte ich überhaupt zurückkommen können, wenn wir doch in rassistischen Verhältnissen leben und Rassismus nicht nur physische Gewalt bedeutet? Hinter der Frage nach Auswanderung verbirgt sich eine sehr privilegierte Haltung. Als würde eine dauerhafte Auszeit nicht meine Familie und Freund*innen zurücklassen, als würde es mich dann nicht mehr interessieren, dass Menschen, die es sich nicht leisten können, wegzuziehen, in Deutschland bedroht, angegriffen und ermordet werden, weil sie nicht ins Bild passen. Und in dem neuen Land, sind mir die Verhältnisse dort dann egal? Nein. Solidarität muss auch hier stattfinden. Das bedeutet, dass wir uns gegenseitig stärken, füreinander da sein, aufeinander aufpassen müssen. Und es bedeutet auch, dass wir dafür kämpfen müssen, dass andere es genauso gut haben wie wir, die es sich leisten können übers Wegziehen nachzudenken. Während wir uns zum Beispiel über Wahlergebnisse in Ostdeutschland aufregen, leben dort BIPoCs, die nirgendwo hin können. Wir müssen ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind, indem wir Strukturen unterstützen, die sich für sie einsetzen. Ich lasse mich nicht von Angst treiben. Angst ist kein guter Begleiter.

"Wenn man davor wegrennt, lässt man das Feld offener für rechts."

Vincent Kadiri, 26, Chemiker, Moderator/ Two Blacks and a Jew

Nein, ich werde meine Meinung nicht durch (rechten) Terrorismus beeinflussen lassen. Terror versucht schließlich Menschen das Gefühl zu vermitteln sie wären weniger sicher. Dabei ist die Chance, dass ich Opfer rechten Terrors werde genauso hoch wie vor einem Jahr.

Und wenn man davor wegrennt, lässt man das Feld offener für rechts. Was es stattdessen bräuchte, wäre Radikalisierung stärker zu verfolgen und noch mehr potentielle Täter zu stoppen bevor sie zu weit gehen. Zu oft hört man hinterher, dass man den Täter schon länger beobachtet hat. Warum passieren dann immer noch so häufig Attacken? PS: Nein Horst, Videospiele haben damit nichts zu tun. Das Argument ist repetitiv, reduktiv und ehrlich gesagt beleidigend. (Aber ja ich habe natürlich schon mal überlegt auszuwandern. Aber eher aus einer anderen Überlegung her. Frei nach Ai Weiwei: 'die Deutschen sind zu sehr auf sich selbst bezogen.' Da kann man schon mal genug haben.)

"Heimat und Integration interessieren mich nicht. Ich will nichts, außer in Ruhe gelassen zu werden."

Ronya Othmann, 26, Autorin und Journalistin

Seit ich Kind bin, denke ich ans Auswandern. Ich denke an Miami, Palermo, Tel Aviv, Nizza. Ich denke an Orte, wo das Klima besser ist, das Essen, die Menschen einen besseren Modegeschmack haben als in Deutschland. Ich weiß auch, dass es einen Unterschied gibt, zwischen Auswandern und Flucht. Flucht ist, was mein Vater gemacht hat. Auswandern ist freiwillig. Flucht ist es nicht. In letzter Zeit frage ich mich oft, wann es Zeit ist zu gehen, wann ist es der eine AfD-Bundestagsabgeordnete, die eine rechtsextreme Gewalttat, der eine Hate-Kommentar zu viel, dass man sagt, so es reicht jetzt, Goodbye Deutschland. Der Tag an dem ein Nazi in Halle einen Anschlag verübte und zwei Menschen tötete, war derselbe, an dem das türkische Militär in Rojava einmarschierte. Egal wie viel ich darüber nachdenke, ich weiß, ich werde nirgendwo hingehen. Als Ezîdin, als Kurdin, habe ich keinen Ort, an den ich zurückkehren kann. Ich habe keine andere Sprache, in der ich schreibe, als die deutsche. Ich habe aber die Gedichte von Paul Celan, von Else Lasker-Schüler und Mascha Kaléko zuhause in meinem Bücherregal stehen. Meine Identität ist hybride. Ich bin êzîdisch-kurdisch-deutsch, und noch viel mehr als das. Egal, wo ich bin, ich gehöre meistens zur Minderheit der Minderheit. Heimat und Integration interessieren mich nicht. Ich will nichts, außer in Ruhe gelassen zu werden. Ich will, dass wir alle hier leben können, auf der Basis des Grundgesetzes, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, in einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft.

"Lieber lasse ich mir meine Heimat Deutschland nicht nehmen als in einem anderen Land wieder fremd zu sein." (Foto: @olivermlr)

Marcel Nadeem Aburakia, 24, Moderator/ Kanakische Welle

Zunächst einmal kann ich verstehen, wie man dazu kommt zu denken ‘Ok, ist Auswandern eine relevante Option für mich?’ Die Zahlen sprechen dafür, dass Übergriffe oder Angriffe, gerade von Rechtsradikalen oder Menschen aus der rechtsradikalen Szene immer mehr werden und die Leidtragenden sind in vielen Fällen Menschen of Color. Ich kann verstehen wie man dahin kommt. Habe ich persönlich negative Erfahrungen in meiner Realität gemacht? Nein. Ich habe das Glück, dass ich als weiß gelesen werde. Klar habe ich auch Rassismuserfahrungen gemacht, aber ich wurde nie körperlich angegriffen. Auswandern ist eine schwierige Sache, weil da verschiedene Komponenten mit reinspielen. USA oder UK sind für mich immer Optionen, die ich in Erwägung ziehe, aber kann man einfach auswandern? Braucht man ein Visum? In die Heimat meines Vaters Palästina/Israel würde ich zum Beispiel nicht auswandern wollen, alleine der Tatsache geschuldet, dass es arabisch-stämmigen Menschen in Israel sehr schlecht geht und sie strukturell diskriminiert werden. Das ist dann nicht besser. Gleichzeitig möchte ich aber auch all diesen Menschen, die sich wünschen, dass Menschen wie wir, PoC, Menschen mit Migrationsgeschichte, Deutschland verlassen, diesen Wunsch nicht erfüllen. Ich möchte entgegenwirken und diesen Menschen zeigen, dass sie eine Minderheit sind und dass wir das Recht haben hier als Deutsche zu wohnen. Und ich muss auch sagen, dass es ein perfektes Land nicht gibt. Lieber lasse ich mir meine Heimat Deutschland nicht nehmen als in einem anderen Land wieder fremd zu sein. Das ist genau das, was man ja nicht möchte.

"Ich lebe jetzt zum ersten Mal in einer Stadt, in der es bestimmte Bezirke gibt, die ich aufgrund meines Aussehens meiden sollte."

Kemi Fatoba, Journalistin, Gründerin DADDY Magazin

Als ich vor vier Jahren nach Berlin kam, hoffte ich, einen Ort vorzufinden, der irgendwo in der Mitte lag: progressiver als meine Heimatstadt Wien und lebenswerter als London, wo ich davor war. Das war im Sommer 2015, als Angela Merkel die Worte “Wir schaffen das” aussprach und 800.000 Flüchtlinge einlud, nach Deutschland zu kommen. Es dauerte eine Weile, bis ich mich hier wohlfühlte, aber dank “Refugees Welcome”, der Schwarzen Community und meinem Umfeld, das zu einem großen Teil aus People of Colour und Menschen auf dem LGBTQI-Spektrum besteht, dachte ich, diesen Ort gefunden zu haben. Seitdem ich hier lebe, werde ich von Deutschen immer wieder mit mitleidigen Blicken gefragt, wie schlimm es denn mit dem Rassismus in Österreich sei. Ich antworte darauf immer, dass Deutschland um nichts besser ist. Mittlerweile denke ich mir sogar oft, dass es hier schlimmer ist. Der Rassismus zuhause ist anders. Er äußert sich in dummen Blicken, Ahnungslosigkeit und Ignoranz und geht oft von älteren Menschen aus. In London war der Rassismus strukturell und äußerte sich vor allem in der Jobsuche, die bei mir immer auffallend länger dauerte als bei meinen britischen und europäischen Freunden. In Berlin waren es jedoch Liberale, Arbeitskollegen und junge Menschen, die sich selbst für “weltoffen” hielten, die mich am meisten mit ihren rassistischen, rechten und diskriminierenden Ansichten überraschten. Ich lebe jetzt zum ersten Mal in einer Stadt, in der es bestimmte Bezirke gibt, die ich aufgrund meines Aussehens meiden sollte. Es kam zweimal vor, dass ich in dieser Stadt physisch attackiert wurde. Was mich dabei am meisten schockierte war, dass ich umgeben von Leuten war, die wegsahen. Meine Freunde erzählen häufig Geschichten von rassistischen Nachbarn, die sie dazu brachten auszuziehen, von Türstehern, die sie physisch attackierten, von Männern, die sie in der Nacht bis zur Wohnungstüre verfolgten usw. In diesen Geschichten kamen nie weiße Deutsche vor, die sich für meine Freunde einsetzten oder ihre Hilfe anboten. Dieser Mangel an Zivilcourage, gepaart mit rechten Anschlägen und dem politischen Klima, hat auf jeden Fall dazu geführt, dass ich mir Gedanken mache, wo ich langfristig leben will. Als ich letztes Jahr die Plakatkampagne des Innenministeriums sah, in der Migranten und Asylanten aufgefordert wurden, freiwillig in ihre Heimatländer zurückzukehren, wurde mir richtig schlecht. Ich dachte mir: So muss es sich angefühlt haben, als die Nazis an die Macht kamen. All diese Dinge sind nicht normal. Was gerade in Deutschland passiert, ist nicht normal. Aber leider scheinen wir in einer Zeit zu leben, in der einfach nichts mehr normal ist. Den utopischen Ort, nach dem ich gesucht habe, gibt es nicht – zumindest nicht für Schwarze Menschen und People of Colour, denn Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung folgen uns überall hin wie ein Schatten. Im Moment überwiegen noch die positiven Dinge, die mich hier halten, aber ich kann mir auch gut vorstellen, irgendwann woanders zu leben.