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Wie unter einer Taucherglocke

„Das Schicksal mischt die Karten, und wir spielen.“ Arthur Schopenhauer

 

Wie ein Fremdkörper, wie ein Außenseiter, wie hinter einer Glaswand ... einfach fehl am Platz, aber das ist nicht der richtige Ausdruck. Ich habe mich bereits öfter in meinem Leben „fehl am Platz“ gefühlt, doch das ist ein anderes Gefühl.

Es ist, als wäre ich an einem ganz anderen Punkt in meinem Leben, als all‘ die anderen um mich herum. Sie sind alle in ihrem Trott, alles dreht sich um den Berufseinstieg, die neue Wohnung, den nächsten Urlaub ... um alles, was einen halt so normalerweise beschäftigt.

 

Ich versuche daneben zu stehen, zu nicken, etwas Passendes einzuwerfen und dieses Gefühl zu überspielen. Dieses Gefühl, nicht dazuzugehören, ein Fremdkörper unter all‘ meinen Freunden und den Menschen um mich herum zu sein. Ich wehre mich gegen dieses Gefühl und meine Gedanken. Am liebsten würde ich schreien und wegrennen – ganz weit, egal wohin, einfach weg. Wenn die anderen nur wüssten, was in mir vorgeht. So gerne würde ich mich mit ihren Problemen beschäftigen, anstatt diese Höhen und Tiefen immer wieder zu durchlaufen.

Doch ich sage nichts, schreie nicht, renne nicht weg, sondern ich bleibe einfach nur stehen, mit meinem Glas in der Hand und versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Ich versuche wieder einmal stark zu sein, meine Gefühle zu unterdrücken, zu lächeln und die Stimme in meinem Kopf auszuschalten.

Denn ich weiß, dass die anderen es nicht böse meinen, dass sie einfach ihr Leben leben und dass viele auch gar nicht wissen, was mir vor Kurzem eröffnet wurde. Und selbst diejenigen, die es wissen, können einfach nicht nachvollziehen, wie sich das anfühlt und was in einem für ein Sturm tobt.

 

Rational betrachtet weiß ich, dass ich mit beiden Füßen auf dem Boden stehe, aber tief in mir drin ist so ein tiefes Loch und es fühlt sich an, als hätte mir jemand den Boden unter meinen Füßen einfach weggezogen. Ich versuche und ich möchte mich wieder fangen, doch auch wenn es mir für einen kurzen Moment gelingt, falle ich doch wieder in dieses Loch hinein – tiefer und tiefer. Und irgendwie kommt es mir so vor, dass ich noch tiefer falle, je mehr ich mich dagegen wehre.

So verloren habe ich mich noch nie gefühlt.

 

„Wie läuft es denn bei dir so auf der Arbeit? Hast du viel zu tun?“, fragt mich eine Freundin auf einmal. Ich versuche, wieder in den Abend zurückzukommen, vom Gedankenkarussell in den Moment, auch wenn es mir schwer fällt. „Ganz gut, es ist einiges zu tun, aber das Team ist nett,“ erwidere ich schnell und merke, wie sich alles in mir zusammenzieht, ich einen Klos im Hals bekomme und die Tränen in mir hochsteigen.

WAS MACHE ICH HIER EIGENTLICH?

... denke ich mir natürlich nur und schreie mich innerlich an, nach außen hin zwinge ich mich zu einem Lächeln und trinke noch einen Schluck, in der Hoffnung dass der Alkohol es erträglicher macht, doch auch der scheint irgendwie nicht zu wirken, wenn man ihn gerade mal gebrauchen könnte.

 

Ich will hier weg, ich will nach Hause und diese ganzen Gefühle nicht mehr spüren müssen. Es ist einfach zu viel, ich bin überfordert. Ich habe doch nie darum gebeten.

Warum muss ICH da durch? Warum habe ich diese Krankheit bekommen? Warum bin ich laufend so traurig? Warum, warum, warum. Das ist meine neue Lieblingsfrage, die alles nur noch schlimmer und noch unerträglicher macht.

Ich fühle mich unwohl. Unwohl, weil ich meine Freundin angelogen habe und so getan habe, als würde ich noch arbeiten.

Aber die Realität sieht ganz anders aus.

 

In Realität habe ich vor einigen Monaten eröffnet bekommen, dass ich eine unheilbare chronische Krankheit habe, die mich vielleicht in den Rollstuhl setzen wird. In Realität habe ich mich anfangs gegen all‘ das gewehrt und es nicht wahr haben wollen. In Realität habe ich deshalb meinen zweiten Schub ziemlich schnell bekommen und bin deshalb in eine Naturheilklinik gegangen. Und in Realität habe ich mich nach langem Ringen mit mir selbst dazu entschlossen, mir eine Auszeit zu nehmen, wofür ich mich innerlich immer noch schäme und verurteile, denn schließlich sollte ich ja eigentlich mal die Zähne zusammenbeißen und ins Berufsleben starten.

Tja, die Realität ...

 

Am liebsten würde ich ihr das sagen, aber ich habe immer noch nicht den richtigen Moment gefunden, ihr von all‘ dem zu erzählen und so bleibt mir gar nichts anderes übrig, als sie anzulügen.

Doch anstatt mir selbst dafür Verständnis entgegen zu bringen, verurteile ich mich auch noch dafür und fühle mich schlecht.

 

Ich habe das Gefühl, ganz allein zu sein – isoliert von allen zu stehen. Mein Leben und das, was mich beschäftigt, passt nicht mehr zu den anderen. Ich kann es noch so vielen Freunden erzählen, aber am Ende muss ich da allein durch. Am Ende kann nur ich mir selber helfen, ich allein. Aber genau das macht mir solche Angst, höllische Angst. Bin ich dem Ganzen überhaupt gewachsen?

So viele, denen ich von der Diagnose erzählt habe, sagen mir ermunternd: „Du schaffst das, denn du bist so stark. Ich bewundere dich, ich könnte das nicht so angehen wie du.“ Vielen Dank für die Blumen. Ich weiß, es ist lieb gemeint, aber woher willst du bzw. ihr denn wissen, wie stark ich bin und ob ich damit gut umgehen kann. Wisst ihr wie es in mir aussieht?

Nein, das weiß keiner und das können auch keine Worte der Welt beschreiben.

Aber ich kann es ja mal versuchen ...

 

Meine ganze Welt steht plötzlich Kopf. Bisher hatte ich mein Leben in der Annahme gelebt, dass eben alles so verlaufen würde, wie ein „normales“ Leben eben so verläuft: Schule, Abi, Studium, Erasmus, Praktika, Master, Berufseinstieg, Freund, Hochzeit, Kinder, Haus ... ihr wisst schon, was ich meine. Die Möglichkeit, dass alles auch anders laufen könnte, gab es irgendwie nicht wirklich. Natürlich bekam man im Bekanntenkreis auch Schicksalsschläge von anderen Menschen mit und dann war ich für einige Minuten, Stunden und wenn es hoch kam Tage dankbar, dass es mir so gut geht, aber das war es dann auch. Danach ging ich zur Tagesordnung über und beschäftigte mich mit meinen First-World-Problems. Und den Moment genießen tat ich auch nicht wirklich. Ich lebte immer nach dem „Wenn-dann-Prinzip“ (Wenn ich meinen Master habe, dann wird alles besser./Wenn ich endlich schlank bin, dann wird mein Leben viel besser./Wenn ich endlich die ganzen Vokabeln gelernt habe, dann kann ich so viel besser dolmetschen. Und so weiter und so fort ...).

 

Ich war mir einfach nicht bewusst, was für ein Geschenk mir die Welt gemacht hatte: mein Leben. Ich lebte Tag ein, Tag aus, zählte mehrere Tage und Wochen bis zu einem bestimmten Ereignis herunter und vergas dabei vollkommen, welche Magie im Hier und Jetzt steckt. Stattdessen war ich damit beschäftigt, auf mein Ziel, den Master zu bestehen, hinzuarbeiten und danach sofort einen Job zu finden, denn ich wollte mich unter keinen Umständen arbeitssuchend melden. Schließlich ging es ja jetzt um die Karriere und darum, meinen Eltern zu zeigen, dass sie mir dieses Studium nicht umsonst finanziert hatten. Ich jagte einem Ziel nach dem anderen und einer perfektionistischen Vorstellung meiner ach so tollen Zukunft nach der anderen hinterher.

Doch dann rüttelte mich diese Diagnose auf einmal wach.

 

Es war, als hätte mich jemand wieder auf den Fahrersitz meines eigenen Lebensautos gesetzt und mir gezeigt, worum es hier bei dieser Sache, die wir alle „Leben“ nennen, eigentlich ging.

Das klingt jetzt schön und anfangs war es auch wie ein Befreiungsschlag und ein Aufatmen doch gerade fuhr ich einfach nur noch bergab, immer tiefer und steiler ins Tal der Ungewissheit hinein.

Ja, die Krankheit hatte mir die Augen geöffnet – und tut es immer noch. Dank ihr habe ich mich endlich mal wieder gefragt, was ich WIRKLICH möchte. Doch über den Teil, der danach kommt, spricht irgendwie kaum einer; und ich weiß auch warum: Danach wartet eine schwere, steinige, kurvige, steile und unvorhersehbare Berg- und Talfahrt auf einen, während der man sehr oft einfach nur aussteigen möchte. Denn wenn man wirklich zu sich selbst finden will und diese Krankheit ohne Wenn und Aber annehmen möchte, kostet das viel Schmerz und unzählige Tränen.

Doch auch das ist ok, auch gehört dazu, nur das ist so schwer zu akzeptieren.

 

Und als ich an diesem Abend dort so stand, befand ich mich mal wieder auf einem sehr steinigem und steil nach unten führenden Wegabschnitt.

Denn ich sah alle meine Freunde um mich herum, die so unbeschwert wirkten und mit den „normalen“ Problemen in unserem Alter beschäftigt waren. Und ich? Ich hatte diese Diagnose und wusste nicht wohin mit mir. Ich wollte mich auch wieder so unbeschwert fühlen. Wieso war mir das alles passiert? Warum ich?

Irgendwann verabschiedete ich mich dann von allen und ging nach Hause und als die Haustür hinter mir zufiel, fing ich an, aus tiefstem Herzen zu weinen.

 

Als ich mich ein paar Tage später wieder beruhigt hatte, saß ich bei meiner Psychologin auf dem blauen Sessel in ihrer lichtdurchfluteten Praxis, die mich immer ein bisschen an Italien erinnerte, und erzählte ihr von dem Abend und meinen Gefühlen; wie schlecht ich mich gefühlt hatte, meine Freundin anzulügen.

„Wieso meinen Sie denn, dass Sie Ihre Freundin anlügen mussten?“, fragt sie mich, nachdem ich zu Ende erzählt hatte. „Naja, ich konnte ihr ja schlecht mitten auf der Party vor allen anderen von der Diagnose und meiner Auszeit erzählen.

„Das müssen Sie ja auch gar nicht. Doch Sie hätten vielleicht etwas anders antworten können und vielleicht sagen können, dass das gerade kein leichtes Thema ist und dass Sie lieber über etwas anderes sprechen würden. Das hätten sie bestimmt verstanden und dann hätten Sie es ihr das nächste Mal in Ruhe erklärt.“ Ich schwieg und dachte mir, dass mir diese Reaktion nie in den Sinn gekommen wäre, für mich gab es nur lügen oder die ganze Wahrheit sagen.

 

Wir tauschten uns noch weiter aus und schließlich gelang ich zu der Erkenntnis, dass ich mich immer noch sehr als Opfer sehe, was meine Krankheit betrifft und dass ich denke, dass ich nichts dagegen machen kann. Die Krankheit hatte mich in der Hand und nicht umgedreht – kein Wunder, dass ich mich wie paralysiert fühlte.

Doch es ist MEIN Leben und auch wenn ich gewisse Dinge nicht kontrollieren kann, so kann ich doch kontrollieren, WIE ich damit umgehe.

Arthur Schopenhauer hat einmal gesagt: „Das Schicksal mischt die Karten, und wir spielen.“

Doch genau das tat ich nicht. Ja, das Schicksal hatte mir vielleicht gerade keine gute Karte zugespielt, doch ich war fleißig damit beschäftigt, diese Karte zu verfluchen und hielt mich damit auf, nur das Negative an ihr zu sehen, anstatt das Beste aus ihr zu machen und sie zu nutzen, um ein unvergessliches sowie spannendes Spiel gemeinsam mit ihr zu erschaffen.

 

Es ist nicht so, dass ich nie traurig oder verzweifelt sein darf und die Krankheit nie verfluchen darf, denn wenn ich diese Gefühle unterdrücke, wird es nur noch schlimmer und stärker. Doch am Ende möchte ich mich auch wieder aufraffen nach solchen Momenten und mir vor Augen führen, wie es wirklich ist.

Denn in Wirklichkeit ist mein Leben alles andere als vorbei und hält noch so viele Momente der Unbeschwertheit für mich bereit. Mir geht es nicht so schlecht, dass ich gar nichts mehr machen kann und nur weil ich mir gerade eine Auszeit nehme, heißt das nicht, dass ich den Berufseinstieg komplett verpasse.

 

Nein, ich kann vielmehr dankbar sein, dass ich meinen Warnschuss so früh im Leben erhalten habe und mir wieder bewusst geworden ist, wie kostbar dieses eine Leben ist und ich es vollkommen so gestalten kann, wie ich das möchte.

Die Opferrolle ist nicht meine Rolle, für mich ist die Kämpferrolle, die Lebenslustrolle und die Sonnenscheinrolle vorgesehen.

 

Deswegen sind die kleinen Wörtchen „wie“ und „fühlen“ auch so wichtig. An diesem Abend FÜHLTE ich mich WIE unter einer Taucherglocke. Doch ich war und bin es nicht. Ich habe sie mir aufgesetzt und sie in gewisser Weise als Schutzschild benutzt, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen, nicht ins Handeln kommen zu müssen und mich hinter meiner MS verstecken zu können.

Tief in mir weiß ich jedoch, dass ich dafür nicht hier bin und dass mir mein kleiner Wachrüttler nicht deswegen geschickt wurde. Ich bin hier, um zu wachsen, zu blühen und zu erstrahlen.

 

Es liegt noch eine lange, steinige, steile, kurvige und unvorhersehbare Berg- und Talfahrt vor mir. Doch ich bin bereit und sitze entschlossen sowie zuversichtlich im Fahrersitz meines Lebensautos – mit dem Wissen, dass das garantiert nicht mein letztes Tal war und das ist auch in Ordnung und gut so. Denn jedes einzelne Tal macht mich stärker und um eine Erkenntnis reicher und gerade ist der Ausblick so wunderschön, dass ich ihn ohne das letzte Tal wahrscheinlich nicht so sehr zu schätzen wüsste :).

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