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Zwei kleine Buchstaben ...

Zwei Buchstaben – so klein und doch so groß. Ich fühle mich, als würde ein Brocken vor mir liegen. Ich sehe ihn, er schaut mich an , aber ...

 

 

„Jedes Leben hat sein Maß an Leid. Manchmal bewirkt eben dies unser Erwachen.“ Buddha

 

09.11.2017

MS. Zwei Buchstaben – so klein und doch so groß. Ich fühle mich, als würde ein Brocken vor mir liegen. Ich sehe ihn, er schaut mich an, aber so wirklich angenähert haben wir uns in den letzten vier Tagen nicht. Wird er jetzt mein ständiger Begleiter? Brocken passt nicht. Wolke ist nicht mein Wort. Ich weiß nicht mal, wie ich „es“ nennen soll. Mir fehlt ein Bild … das sagt schon alles. Ich weiß nur, dass ES alles auf den Kopf stellt.

 

15.11.2017

ES hat einen Namen: mein kleiner, bunter Wachrüttler.

Er ist positiv. Das hätte ich beim ersten Eintrag noch nicht gedacht. Bisher war die Diagnose für mich so … positiv, gut, erleuchtend, befreiend … wie ein Geschenk des Lebens. Ich habe endlich Urlaub, Zeit für mich, bin zufrieden mit mir, will keine große Karriere mehr machen, bin meinen Eltern wieder näher gekommen, Pattis und meine Liebe ist noch stärker geworden, ich fühle mich positiv anders – ich bin so unendlich dankbar für dieses wundervolle Leben. Jeder Tag, an dem ich aufstehen kann und alle meine Körperteile bewegen, normal sehen und atmen kann ist ein Grund zum Feiern und dankbar zu sein. Alles wird gut, alles wird sich fügen – das spüre ich.

 

22.11.2017

Wieso?

Warum?

Wie soll ich damit umgehen?

Soll ich so tun, als wäre nichts?

Dieser Brocken, Wachrüttler, wie auch immer ist einfach so in mein Leben getreten, ohne Eintrittskarte. Das kann doch nicht sein. Gerade kann ich es nicht positiv sehen, es tut mir leid. Ich bin doch erst 25. Ich verstehe das nicht. Wie kann das sein? Am liebsten würde ich wegrennen. Ich möchte nicht so traurig sein. Was ist passiert? Wieso ist das passiert?

Ich will einfach sein können ohne diese ständigen Gedanken, Ängste, Sorgen und diese endlose Traurigkeit – BITTE!

 

10.02.2018

Es ist einfach zu viel gerade. Ich weiß nicht, was ich machen so, wo ich mit mir hin soll. Am Anfang schien alles so gut. Die Diagnose war mein kleiner, bunter Wachrüttler. Ich konnte so viel klarer sehen, war mit mir auf einmal zufrieden und hatte irgendwie neue, übersprudelnde Energie. Aber wahrscheinlich lag das daran, dass ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich mal wieder Urlaub hatte und auch an dem Kortison, dass noch durch meine Venen floss.

Jetzt habe ich das Gefühl, dass meine Welt zusammengebrochen ist, dass ich so nicht weitermachen kann. Irgendetwas ist in mir zerbrochen, etwas wurde erschüttert – das Vertrauen in meinen Körper.

Ich verstehe nicht, warum das passiert ist. Will mir mein Körper, meine Seele etwas sagen? Ein Zeichen geben?

Musste es dann gleich so etwas Krasses sein? Eine Krankheit, durch die ich mich spritzen muss und Schmerzen habe, nicht zu vergessen die seelischen Schmerzen?

Diese Traurigkeit nagt so sehr an mir. Es ist als fräße sie mich innerlich auf. Vielleicht regiere ich auch zu stark darauf, verurteile mich dafür und unterdrücke es zu sehr. Aber auf der Arbeit kann ich einfach nicht weinen, da muss ich stark sein.

Ich habe solche Angst. Ich glaube, ich bin dem Ganzen nicht gewachsen. Was soll ich aus dem Ganzen machen? Aber wahrscheinlich ist es auch genau so gut. Ohne diese Diagnose würde ich der größten Karriere und dem großen Geld weiter blind hinterherrennen. Dolmetscherin werden ohne wenn und aber, auf Biegen und Brechen. Ich hätte mir weiterhin schön im Weg gestanden und meine innere Wahrheit nie erkannt.

Das hört jetzt auf!

Ich nehme mein Leben in die Hand, höre auf mich, in mich hinein und tue das, was ICH will, was MIR gut tut.

Ich habe nur ein Leben und nur eine Gesundheit.

 

12.02.2018

Es muss sich etwas ändern. Denn wenn ich ehrlich bin, tut mir das alles nicht gut. Ich bin nur traurig, kann die Traurigkeit hinter meinen Augen spüren, es drückt, brennt. Oder ist das der nächste Schub? Bitte nicht. Was soll ich nur tun? Irgendwie fühle ich mich dem nicht gewachsen.

 

23.02.2018

Ich bin durch. Drei Infusionen sind durch meine Venen geflossen, um zu heilen.

Der zweite Schub in nur vier Monaten, das war und ist schon ein Brocken. Ein Brocken, den ich selbst zu verantworten habe.

Ich wollte mal wieder mit dem Kopf durch die Wand. Wollte nicht wahr haben, dass ich einen (oder 100) Gang zurückschalten muss. So eine Nachricht braucht Zeit. Ich habe Angst, dass ich mich im Kreis drehe, wenn ich so weitermache wie bisher. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, habe ich das Hamsterrad noch nicht verlassen. Innerlich will ich immer noch Dolmetscherin bei Auswärtigen Amt werden, mir beweisen, dass ich es trotz allem schaffen kann. Ich renne noch dem großen Geld hinterher. Möchte es mir selbst beweisen, den anderen beweisen.

Doch das ist alles SO unwichtig. So finde ich nicht zu mir und strebe nur wieder nach etwas, das ich nicht bin und das mich nicht erfüllt.

 

27.02.2018

Null Punkte auf der Symptomeskala – zum Glück, DANKE. Vielen Dank, dass ich so schnell heilen durfte, dass ich wieder Herr meiner Hand beziehungsweise meines Fingers bin.

All’ das ist für etwas gut. Ich bin bereit, mich endlich zu erkennen – einfach mein Leben zu leben und in vollen Zügen zu genießen.

Es ist Zeit. Zeit, das Alte und Vergangene alt und vergangen sein zu lassen, zu vergeben und wieder voll zu vertrauen. Alles, was sein soll, wird sein. Ich bin so dankbar für dieses Leben. Ein anderes möchte ich nicht.

Natürlich ist so eine Diagnose ein Schock und der zweite Schub hat mich viel mehr umgehauen. Auf einmal war der Boden weg.

Doch das war nur mein Gefühl. Der Boden war und ist immer noch da. Ich bin von Liebe umgeben und bin nicht allein. Mein ganzes Leben liegt noch vor mir. Die „Pflichtstationen“ sind vorbei und jetzt bin ich frei, das zu tun was ICH will. UND ich habe Zeit. Das muss nicht jetzt sofort passieren. Die Tore der Welt stehen mir offen, ich muss nur durch sie hindurchgehen.

Nutzen. Leben. Genießen.

Wieso mache ich es mir so oft so schwer?

Ich entscheide jeden Tag.

Ich bin frei. Frei zu wählen. Ich muss nicht auf das Hamsterrad springen.

Ich gehe meinen Weg. Julias Lebensweg und den gibt es nur einmal. MS ist wie meine MorgenSonne, die mich wach kitzelt und den Lichtmenschen in mir hervorholen will. Und das lasse ich jetzt zu. Ich lasse sie jetzt alles, was in mir schlummert, hervorkitzeln.

 

18.03.2018

Endlich. Es ist geschafft. Ich habe durchgehalten. Es mir mal wieder selbst beweisen. Dass ich stark bin, dass ich ja eigentlich irgendwie doch nicht krank bin, dass ich durchhalten kann. Und jetzt? Was habe ich davon? Ich bin so müde, fertig, erschöpft und ausgelaugt. Ich fühle mich, als könnte ich drei Monate Urlaub in einem einsamen Haus am Meer gebrauchen. Ich könnte nur heulen, aber auch das lasse ich natürlich nicht zu. Immer stark sein. So schlimm ist es ja gar nicht. DOCH VERDAMMT! Es ist verdammt schlimm – für mich. Ich bin an meinem Limit. Ich kann nicht mehr. Ich bin die, die die Krankheit hat. Ich muss die Krankheit annehmen und endlich hereinlassen, nicht meine Chefin. „We sacrifice our health in order to make wealth. Then, we sacrifice our wealth in order to get back our health.“ Dieser Spruch vom Dalai Lama hatte mich doch so berührt. Und was mache ich jetzt? Ich bin auf dem besten Weg, diesen Spruch wahr zu machen. Und wofür? Für einen Job, der mich nicht wirklich erfüllt und der nicht mal gut bezahlt ist. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil die anderen dann mehr Arbeit haben? Und wer bitte hat ein schlechtes Gewissen, wenn ich eigentlich nicht mehr kann und eine Auszeit brauche? Niemand! Wenn ich nicht an mich denke, wird es keiner tun. Ich bin immer damit beschäftigt, daran zu denken, was dann mit den anderen ist, was die anderen denken könnten, dass ich das den anderen nicht antun kann ... Aber mir kann ich das antun? Meiner Gesundheit kann ich das antun? Meinem Wachrüttler kann ich das antun? NEIN! Genau das trifft mitten ins Schwarze. Das stand auch bei Robert Dahlke: „Die Bedürfnisse der andern erkennen, bevor man die eigenen erkannt hat.“ Ich lese das alles und spreche darüber, aber am Ende setze ich es nicht um – lebe teilweise genau das Gegenteil. Das muss aufhören. Ich will, dass es aufhört. Ich will nicht erst darauf warten, dass der dritte Schub den Kopf durch die Tür steckt und mich vielleicht noch ein bisschen mehr wachrüttelt. Oder bis mein Neurologe das nächste MRT mit noch mehr weißen Punkten wie eine rote Fahne vor mir her schwingt und ich ein bisschen mehr das Gefühl habe, dass es so nicht weitergehen kann. Ich will JETZT was machen und dieser Wille ist stärker als alle anderen bösen Stimmen in mir und diese Stimme ist meine wahre Stimme. Es ist an der Zeit, sie an das Mikrofon meines Lebens zu lassen und endlich anzufangen zu leben – nicht zu funktionieren.

Das ist meine Gefühlsachterbahn seit der Diagnose, meinem Wachrüttler.

Ich spüre, dass noch ein weiter Weg vor mir liegt, der nicht leicht wird, aber ich werde jeden einzelnen Schritt selber gehen und genießen – in dem Vertrauen, dass er mich zur Erfüllung bringt.

Ein erfülltes Leben voller Dankbarkeit, mit meiner MS, die mich aber nicht beherrscht.

Was ich dafür brauche? Geduld, viel Geduld, Mitgefühl, Selbstliebe und Vertrauen.

Ich nehme mir jetzt eine Auszeit, auch wenn ich gerade mitten im Berufseinstieg stecke. Denn ich will mein wundervolles Leben nicht aufs Spiel setzen. So viele von uns – und da bin ich keine Ausnahme – sind nur damit beschäftigt, die Pflichtstationen des Lebens, die uns von der Gesellschaft vorgegeben werden brav zu durchlaufen und unsere täglichen To-do-Listen fleißig abzuhaken. Was wir dabei jedoch vergessen ist etwas unschätzbar Wichtiges und Kostbares: uns selbst. Wir sind wie hypnotisiert und funktionieren einfach nur noch, während wir ganz vergessen zu leben. Ich habe das Glück, dass mir das Universum meinen kleinen, bunten Wachrüttler geschickt hat. Doch wenn ich mir das so recht überlege, ist es traurig, dass ich diesen großen Knall gebraucht habe, um aufzuwachen und um jetzt endlich mal auf meinem Lebensweg innezuhalten, mich auf eine Parkbank zu setzen und mich wieder daran zu erinnern, wer ich wirklich bin.

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