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Zwischen Romantik und Realität

Die Phasen einer Beziehung

Von Patricia Kornfeld

Die rosarote Brille zerbricht, der Prinz fällt vom Ross und seine zunächst glänzende Rüstung wirkt nun matt, zerkratzt und verbeult. Von der anfänglichen Euphorie ist nicht mehr viel übrig. Die Schmetterlinge im Bauch sind tot.

Dieser Moment kommt in jeder Beziehung früher oder später. Nach dem Kennenlernen, den ersten Dates und der Verliebtheitsphase mit all ihren Vorteilen sieht man den Partner/die Partnerin plötzlich in einem gänzlich anderen Licht. Hat man ihn/sie zunächst in sanftem Kerzenschein betrachtet, so ist es nun, metaphorisch gesehen, der grelle Strahl von Leuchtstoffröhren, in dem all die Macken zum Vorschein kommen, die zuvor als liebenswürdig empfunden wurden.

Photo: Alessandro De Bellis

Oftmals ist dies der Grund für Trennungen und Pärchen gehen frühzeitig auseinander. Eine Partnerschaft ist eben ein steiniger und beschwerlicher Pfad und erfordert Kompromisse, Respekt und Verständnis.

„Leben und leben lassen“ ist beispielsweise das Motto von Heidi, die mit ihrem Mann Wolfgang bereits seit 31 Jahren zusammen ist, davon 27 Jahre verheiratet. Für sie liegt das Glück ihrer langen Beziehung darin, den anderen nicht verändern zu wollen. „Das muss aber natürlich auf Gegenseitigkeit beruhen. Ich bringe meinem Partner Respekt entgegen und liebe ihn, so wie er ist. Das gleiche erwarte ich mir aber auch von ihm. Jeder Mensch hat schlechte Eigenschaften und manchmal geht man sich einfach furchtbar auf die Nerven. In diesen Momenten muss man gelegentlich etwas auf Abstand gehen. Sich zu verbiegen oder zu verstellen ist nie der richtige Weg.“.

Fünf Phasen einer Beziehung

Die Liebe selbst läuft nicht nach Schema F ab. Wenn es aber um Beziehungen geht, gibt es laut dem Paartherapeuten Roland Weber fünf Phasen, deren Muster die meisten Partnerschaften folgen. Beginn einer jeden Beziehung ist seiner Meinung nach die Verliebtheitsphase. Diese charakterisiert sich in erster Linie durch das Gefühl von Schmetterlingen, die in der Bauchgegend ihre Kreise ziehen. Man ist nervös und sieht dem nächsten Treffen mit dem/der Liebsten aufgeregt entgegen. Diese/r ist zudem Zentrum von Gedanken und Gesprächen. Die berühmte rosarote Brille lässt zudem ein verzerrtes Bild des Partners/der Partnerin entstehen. Durch sie erscheint die andere Person geradezu perfekt und vermeintlich nervige Angewohnheiten werden ausgeblendet. Nach drei bis 18 Monaten nimmt die wohl ereignisreichste Zeit im Laufe der Beziehung ein Ende.

Photo: Joao Silas

Verliebtheit ist nicht gleich Liebe

Vielen Paaren wird es zum Verhängnis vor Liebe so blind gewesen zu sein und ihre Beziehung geht in die Brüche. Negative, störende Eigenschaften und Angewohnheiten der anderen Person kommen zum Vorschein. Außerdem fällt auf, dass man gar nicht so viele Gemeinsamkeiten miteinander hat, wie zunächst angenommen. Spätestens, wenn nach dem Verknalltsein die Realität folgt und sich zeigt, dass das Prickeln passé ist, die Magie verpufft und der Alltag jegliche Romantik überrollt, ergreifen viele die Flucht.

Photo: Fred Mouniguet

Und selbst wenn nicht, macht sich Unbehagen breit. Die Schmetterlinge, die noch vor kurzem fröhlich umherflogen, gibt es ab jetzt nicht mehr. Vorteile, aber auch Nachteile an dem Partner/der Partnerin, sowie an der Beziehung selbst, werden penibel auf die Waage gelegt. Dass Verliebtheit nicht gleich Liebe ist, müssen sich ab diesem Zeitpunkt beide BeziehungspartnerInnen schmerzlich eingestehen.

Erst wenn Klarheit darüber herrscht, dass die Partnerschaft zukünftig nicht mehr so aufregend sein wird wie zu Beginn, die Schwächen des jeweils anderen akzeptiert werden können und Bereitschaft dazu besteht Kompromisse einzugehen, hat die Beziehung eine Zukunft.

Besser getrennte Wege gehen?

Weber zufolge steht in der dritten Phase einer Beziehung Konkurrenz im Vordergrund und Machtkämpfe werden ausgefochten. Niemand möchte dem/der anderen unterlegen sein. Beide zweifeln an der Partnerschaft und die Frage nach einer möglichen Trennung steht im Raum.

Schwierig wird es mitunter dann, wenn noch andere Personen im Spiel sind mit denen eine romantische Liaison erwogen werden könnte. Wer würde so einen Kampf gewinnen? Alteingesessene Routine oder ein aufregendes Abenteuer?

Ich bin ich, du bist du, zusammen sind wir ein Team

Ist diese kritische Phase überwunden, so sind beide PartnerInnen dazu in der Lage den/die andere/n mit all seinen Vorzügen und Schwächen zu lieben und bilden, laut Weber, eine gemeinsame Identität und ein starkes WIR-Gefühl. Sie kennen sich bereits in und auswendig und handeln als Team, statt sich in Konkurrenzkämpfen zu verlieren. Allerdings beschäftigen sich diese auch getrennt voneinander immer stärker mit der eigenen Person und möchten sich ein gesundes Maß an persönlichem Freiraum einräumen. Dies ist insbesondere für die individuelle Persönlichkeitsentwicklung notwendig.

Photo: Shifaaz Shamoon

Für Heidi z.B. ist dies ein wichtiger Punkt. Sie möchte auch neben ihrer Ehe noch genügend Zeit für sich selbst haben, um das zu tun, was ihr guttut. „Freiräume sind mir sehr wichtig. Auch neben meiner Beziehung will ich mich mit Dingen beschäftigen, die mir Spaß machen. Auch möchte ich mich nicht aus meinem sozialen Umfeld isolieren. Würde ich nicht auf diese Dinge achten, wäre ich nicht so ausgeglichen.“. Dieser Meinung ist auch Astrid, die mit ihrem Freund seit vier Jahren liiert ist. Oft helfe „ein bisschen Zeit für jeden allein, um sich wieder zu vermissen und zu merken, was wir am jeweils anderen schätzen.“.

Diese Phase ist Weber zufolge immens wichtig, da man eigene Wünsche fokussieren kann und zu seiner Mitte findet, insbesondere nach den Turbulenzen der letzten Zeit. Ebenso hilft man dem/der anderen dabei diese Entwicklung zu durchlaufen, ohne Vertrautheit und Zusammenhalt in der Partnerschaft einzubüßen.

Beim anderen daheim sein

In der finalen Phase hat man es endlich geschafft und zur wahrhaftigen, vertrauten Liebe gefunden. Beide PartnerInnen gingen bereits durch dick und dünn, haben die schlechten und schönen Seiten des Lebens miteinander geteilt und sich dadurch umso besser kennengelernt. Sie wissen jetzt nicht nur genauestens um die Schwachstellen des anderen Bescheid, sondern können diesen respektvoll und auf Augenhöhe begegnen.

Photo: Alex Suprun

Die Verbundenheit, die diese Menschen miteinander teilen, ist mit nichts zu vergleichen. Sie sind angekommen, haben ihr wahres Zuhause im Partner/in der Partnerin gefunden, können alle Hüllen fallen lassen und sich genauso geben, wie sie sind. Die Klotür offen zu lassen, schrecklich schief zu singen, oder beim Essen das Rülpsen nicht mehr zu unterdrücken – all diese Dinge wären am Anfang der Beziehung undenkbar gewesen. Mittlerweile sind sie so alltäglich wie das Zähneputzen und schlagen den/die Partner/in schon lange nicht mehr in die Flucht.

Außerdem werden gemeinsame Pläne geschmiedet und die Zukunft geplant. „Sollen wir später ein Haus bauen oder reicht uns eine Wohnung?“, „Möchten wir heiraten oder ist uns das zu altmodisch?“, „Möchten wir einmal Kinder oder doch lieber einen süßen Hund?“. All das sind Fragen, die man zusammen als Team beantwortet.

Eine Beziehung ist ständige Arbeit

Niemand hat je behauptet eine Beziehung zu führen, sei eine leichte Angelegenheit. Wie sollte es auch? Immerhin finden zwei komplett unterschiedliche Menschen aus verschiedenen Lebenswelten zusammen, die teilweise auch aus anderen Ländern, Regionen und Kulturkreisen stammen. Sie kommen aus unterschiedlichen Familien, die mitunter andere Ansichten, Einstellungen, Vorstellungen und Wünsche vertreten.

Um trotzdem zusammen glücklich zu werden, müssen beide Kompromisse schließen, Rücksicht aufeinander nehmen und die Arbeit, die das Führen einer glücklichen Beziehung tagtäglich erfordert, gerne in Kauf nehmen. Wahre, bedingungslose Liebe, die länger als 2 Wochen und 12 Stunden dauert, fällt eben nicht so einfach vom Himmel.

Links

https://www.roland-weber.net/

https://www.sueddeutsche.de/leben/paartherapeut-ueber-die-ewige-liebe-paare-sollten-akzeptieren-was-ihnen-widerfaehrt-1.1275404